Der nationale Pokalwettbewerb ist der hässliche, kämpferische, kleine Bruder der Liga. Insofern sind Pokalspiele selten Partien, die durch ihre Ästhetik bestechen. Im Pokal dominieren das gegenseitige Belauern, der Versuch des Knockouts und purer Kampf, gepaart mit einer Laufbereitschaft, die an Körperverletzung grenzt. Das entspricht natürlich dem Charakter des Pokals, weil über weite Strecken auch unterklassige Gegner mit diesen Mitteln versuchen, dem Favoriten ein Bein zu stellen. Das Halbfinalspiel in Mönchengladbach am Mittwoch war ein würdiger Vertreter dieser Gattung von Pokalschlachten. Und wie das oft so ist, werden solche Begegnungen am Ende durch Elfmeterschießen entschieden - so auch diesmal.
Beide Teams neutralisierten sich weitgehend durch aufopferungsvolle Defensivarbeit, oder sollte man besser Maloche sagen?! Nichts für Genießer hoher Fußballkunst, die auf beeindruckende Ballstafetten und Hochgeschwindigkeits-Dribblings gewartet hatten. Die Taktikfüchse kamen da schon eher auf ihre Kosten. Am Ende zog die dritte Begegnung Borussia Mönchengladbach gegen Bayern München in diesem Spieljahr ihre Faszination aus der Spannung, die ja im Pokal zwangsläufig hoch ist, da einer am Ende aus dem Wettbewerb fliegt.
Wer war denn nun die bessere Mannschaft, wenn es am Ende der Verlängerung nach 120 Minuten immer noch "0:0" steht? Als ersten Richtwert könnte man hier die Anzahl der Chancen jedes Teams nehmen, wenngleich eine Chance in gewisser Weise doch auch ein Scheitern dokumentiert - Chance ja, Tor nein. Aber auch das Erspielen dieser Tormöglichkeiten drückt entweder eine Qualität (Qualität berechnet sich aus Güte, Klasse und Effizienz) bei der Mannschaft aus, die Torchancen erspielt - oder eben eine "Minderqualität" bei der verteidigenden Mannschaft, da sie Torchancen zulässt. Für mich lagen in Sachen Chancen die Bayern in Anzahl und Güte vor Gladbach.
Als weitere Parameter kamen für mich die Physis (Fitness) und letztlich das Auftreten im Elfmeterschießen hinzu. Auch hier machten die Bayern letztendlich den besseren Eindruck.
Während die Gastgeber in der Verlängerung zunehmend auf dem Zahnfleisch über den Platz krochen, sahen die Roten doch noch recht fit aus. Beim Penalty-Schießen ließ der Rekordpokalsieger dann keinen Zweifel mehr aufkommen und verwandelte Elfer für Elfer mit vor Selbstsicherheit strotzender Ausstrahlung. Die Borussen hingegen wirkten regelrecht nervös, was sich ja dann letztlich auch an zwei vergebenen Strafstößen festmachen ließ. Dante jagte den Ball übers Tor und Nordtveit scheiterte an Neuer.
Der verdiente Sieger hieß also wieder Bayern München - Gladbach konnte bislang noch kein Pokalduell gegen die Bayern für sich entscheiden. Matchwinner der Partie war nicht der Franzose Ribéry, der a) keinen sonderlich guten Tag erwischte und b) bei Jantschke recht gut aufgehoben war - und auch nicht Arjen Robben oder Mario Gomez. Mann des Spiels war Manuel Neuer, der mit zwei großartigen Aktionen die Gladbacher Führung vereitelte und den entscheidenden Elfer abwehrte.
Die, die da im Gästeblock des Borussia-Parks am Ende lauthals jubelten, sollten sich also bewusst sein wer uns den Finaleinzug garantierte. Ironischerweise war es Manuel Neuer, der noch in den beiden Bundesligapartien aufgrund zweier Patzer vom Gladbacher Anhang höhnisch bejohlt wurde, der Gladbachs Traum vom Endspiel in Berlin zunichte machte. So kann's gehen.
Der Leistung der Borussia muss man Respekt zollen; stellte sie doch wieder unter Beweis, warum dem Klub in dieser Saison einen so phänomenalen Sprung an die Tabellenspitze gelang.
Nun kommt es also zum Duell des Jahres, Dortmund gegen die Bayern. Die beiden Teams, die sich um die Meisterschaft streiten, treten also auch in Berlin gegeneinander an.
Tragischer Held war Dante - mit einer Zweikampfquote von 100 Prozent gewonnener Zweikämpfe, gehörte er zu den besten Spielern seines Teams und zeigte sich vor dem Elfmeterschießen als Motivator und Antreiber für seine Kameraden. Ausgerechnet Dante schoss seinen Elfmeter dann über das Gebälk - und ausgerechnet Dante sehen Viele schon in der nächsten Saison im Bayern-Dress auflaufen. Natürlich fällt einem da direkt Lothar Matthäus, sein verschossener Elfmeter im Jahr 1984 und die unseligen "Judas"-Schimpftiraden ein. Aber in beiden Fällen waren es nicht deren Elfer, die das Ausscheiden Gladbachs besiegelten. Hoffen wir für den Fußball und für Dante, dass schlichte Gemüter unter den Gladbacher Fans nicht wieder eine Verschwörung daraus kreieren.
"Wir fahren also am 12. Mai nach Berlin"! Also ich eher nicht, da ich das Pokalendspiel in Berlin nicht sonderlich prickelnd finde, aber zumindest im übertragenen Sinne. Dann wird wieder vom "Deutschen Wembley" gelobhudelt bis die Schwarte kracht. Das sagt aber auch nur der, der nie in Wembley war. Nichtsdestotrotz spielt der FCB um den Pokal und hat bewiesen, dass man nicht nur schwache Gegner vom Platz schießen, sondern auch ein Duell auf Augenhöhe mit Kampf, Leidenschaft und den besseren Nerven für sich entscheiden kann. Eine ganz wichtige Erkenntnis vor den englischen Wochen der Wahrheit, die uns jetzt bevorstehen. Das nächste "Endspiel" steht schon vor der Tür: morgen Nachmittag gegen die "Eurofighter" von Hannover 96 in der Meisterschaft.