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Montag, 20. Februar 2012

WER SAN MIA?

Es ist mir nicht möglich die steten Leistungsschwankungen des FCB ohne Emotionalität, nur nüchtern analytisch zu betrachten - ich versuche es auch deshalb gar nicht erst. Spätestens in Freiburg haben wir mehr als nur zwei weitere mögliche Punkte liegen lassen. Wenn es noch einen Hauch an Selbstverständnis gegeben haben sollte, spätestens jetzt - nachdem wir es geschafft haben aus acht Punkten Vorsprung vor Dortmund nun vier Punkte hinter dem Tabellenführer zu liegen - dürfte uns die Realtität dieser Saison eingeholt haben. Schalke hängt uns im Nacken, Dortmund und Gladbach haben uns hinter sich gelassen. Der qualitativ beste Kader der Liga bleibt den Beweis dafür regelmäßig schuldig - andere sind einfach besser. Wer san mia?

Wir sind nicht flexibel.
Jupp Heynckes hat - bei allem Respekt - noch kein Konzept gefunden, der Mannschaft taktische Flexibilität einzuimpfen. Wir sind ausrechenbar, leicht in Schwierigkeiten zu bringen - und kaum in der Lage, ein Spiel das gegen uns läuft zu dem unseren zu machen. Verantwortlich hierfür muss der Trainer gemacht werden, auch wenn die Mannschaft einen gehörigen Anteil daran hat. Die Einfallslosigkeit des Teams erinnert an dunkle van-Gaal-Zeiten. 

Wir sind nicht wütend genug.
Bayern München stand viele Jahre dafür, Siege erzwingen zu können, wenn es geboten war. Der last-minute-Erfolg war ein ständiger Begleiter des Klubs. Mit Glück hat das nichts zu tun; es ist Arbeit und ein Selbstverständnis, dass man in München gerne mit dem vielgepriesenen "Mia san mia" betitelt.  Dahinter steht auch ein gewisses Maß an Wut im positiven Sinne. Diese Wut sehe ich im aktuellen Kader extrem selten. Was ich sehe ist Resignation. Das hat etwas mit der Grundeinstellung eines Profis zu tun - und hier mangelt es an der richtigen Einstellung. In Freiburg sah man, was Wille und Trotz zu leisten in der Lage sind - aber diese Grundtugenden jeden Leistungssports wurde vom SC Freiburg vorgetragen - nicht vom FC Bayern. 
Exemplarisch für dieses Manko stehen das letzte Heimspiel des FCB gegen den "Herausforderer Borussia Dortmund" und auch die letzten Aufeinandertreffen mit Borussia Mönchengladbach. Bayern taumelte wie ein alter, müder Boxer, dem jeglicher Biss abhanden gekommen ist. Ironischerweise haben wir derzeit den jüngsten Kader aller Zeiten. 

Wir reden zuviel und schreien zu wenig.     
Schiedsrichterdiskussion, FIFA, etc. - unsere Führungsetage macht sich viele Gedanken - leider auch immer wieder öffentlich. Der FC Bayern stand in der Vergangenheit auch regelmäßig für solche verbalen Nebenkriegsschauplätze, nicht immer zu unrecht. In einer sportlich schwierigen Situation wie der jetzigen, sollte man allerdings zunächst vor der eigenen Türe kehren. Solche abseitigen Diskussionen lenken den Fokus gern weg von den Spielern und deren Leistung.
Die regelmäßigen "Kampfansagen" unseres Kaptitäns wirken auf mich halbherzig. Es sind Plattitüden in Form von medialen Statements. Die Ansagen müssen auf dem Platz und in der Kabine erfolgen; dafür scheint mir Lahm aber nicht der richtige Mann zu sein. Doch im modernen deutschen Fußball sind "Typen" nicht mehr gefragt. Komischerweise beweist der amtierende Deutsche Meister, dass es einen gesunden Spieler-Mix mit eben solchen Typen geben kann. Es wird wohl kaum jemand behaupten, Borussia Dortmund wäre antiquiert aufgestellt. 

Wir sind nicht breit genug aufgestellt.
Dass Heynckes einen Arjen Robben auch mal auf der Bank lassen kann, ehrt ihn. Nach dem Freiburg-Spiel sollte er das gleiche mit Franck Ribéry tun. Dafür fehlt uns aber (noch) adäquater Ersatz. Die Kaderbreite des FCB ist zu gering - dies hat man registriert. Internationale Spitzenteams leisten sich beinahe zwei gleichwertig starke Mannschaften und haben eine ganze Reihe Topstars auf der Bank sitzen. Es geht in Manchester, es geht in Madrid und Barcelona. Es muss in Zukunft auch bei uns gehen - vielleicht ist die Personalie Dante dafür ein erstes Indiz (sollte der Wechsel tatsächlich zustande kommen). 
Gerade Robben und Ribéry haben in der Vergangenheit immer wieder Top-Transfers gefordert. Man sollte ihnen diese Wunsch erfüllen, denn das hieße auch mehr Konkurrenz für unsere Top-Stars auf den Flügeln. 

Wir sind zu satt. 
Es ist eigentlich ein Hohn, dass ich dies schreibe: Wovon will diese junge Truppe satt sein? Sie ist noch weit entfernt von einem wirklich großen Team - dazu fehlen noch ein paar Titel. Dennoch vermisse ich zeitweise den Hunger auf Erfolg. 
Unsere jungen Nationalspieler sind ausgiebig damit beschäftigt ihre Facebook-Accounts mit nahezu identischen Inhalten zu füllen: Verlosung hier, schöne grüne Trikots dort - wir haben leider nicht gut gespielt, nächstes Mal wieder alles besser... blahblah. Das wirkt nicht authentisch, nicht echt - und ist wohl eher ein Marketing-Instrument von Spieler, Nationalmannschaft und Verein. Doch auf dem Platz sieht jeder, wer sich zereisst und was jeder Einzelne bereit ist zu tun. In dieser Saison haben wir schon zu viele Spiele gesehen, in denen Einsatzbereitschaft, Leidenschaft und Ehrgeiz gefehlt haben. Teams wie Dortmund oder Gladbach wirken giftiger, williger, hungriger.

9 Kommentare:

Tinneff hat gesagt…

Guten Analyse, sofern ich das aus der Ferne beurteilen kann. Gerade bzgl. Lahm teile ich deine Meinung. Der ist einfach zu glatt. Immer wieder die selben langweiligen Sprüche via Bildzeitung.

Wie siehst du folgende These: Bayerns "Absturz" begann mit den Wechsel von van Bommel zu Milan.

Miasanmia hat gesagt…

Sehr guter Beitrag.
Ich kann dir nur zustimmen.

@Tinneff

vBommel reduziert auf seinen Typus als Leader, ja, definitiv.

Da herrscht bei uns Bayern-Bloggern ja auch ein großer Konsens. Derlei Typen gibt es bei uns nicht mehr und werden genau jetzt gebraucht.

Nichtsdestotrotz muss man Heynckes aber auch unsere taktische Starre ankreiden. Es kann nicht sein das man gegen uns nur Pressen brauch und wir völlig auseinanderbrechen. Es heißt dann immer taktische Meisterleistung, dabei ist das die simpelste aller Taktiken, denn Angriff ist die beste Verteidigung.

Tinneff hat gesagt…

Aber dennoch schaffen es nur wenige Teams wie Dortmund oder Gladbach, ihren Spielstil durchzuziehen.

Miasanmia hat gesagt…

@Tinneff

u.a. auch Hannover und Freiburg?

Jede Mannschaft die den Mut aufbringt bereits im MF zu pressen und unsere außen dicht macht bringt uns zum wanken.
Das ist ja das schockierende.
Wäre es eine Frage der Qualität hätten wir zB gg die oben genannten nicht derlei Probleme gehabt, oder gegen die beiden Borussias. Das Problem is nicht "eure" stärke, sondern unser unvermögen.

Zechbauer hat gesagt…

van Gaals Verjüngungskur hatte zwei Seiten: Einerseits duldet vG keinen Lautsprecher wie van Bommel es war. Dass MvB noch nicht zum alten Eisen gehörte, sieht man ja jetzt bei Milan. Andererseits hat man van Gaal ja Lahm als Kapitän aufgezwungen. Unter Heynckes würde van Bommel sicher noch spielen und das täte uns sicher auch gut. Ein paar alte Recken braucht jede Top-Mannschaft. Die Mischung macht es. Wir haben zu viele Leisetreter in der Mannschaft. Zu Deiner Frage: Ja, wir laborieren noch an den Nachwirkungen der van Gaal-Ära, ob das nun alles Schuld des Niederländers war, da bin ich nicht so sicher.

panaManga hat gesagt…

Spätestens seit dieser Saison hat der FCB das "Mia san mia" auf dem Trikot (gestickt), aber nicht mehr in den Füßen.

Arthur Friedenreich hat gesagt…

Arthur sieht es genau so.
Viel zu pomadig !

hefewetz hat gesagt…

Das unterschreibe ich so. Als ich vor zwei drei Wochen mal wieder den Doppelpass im "DSF" angeschaut habe hat Mario Basler gesagt: "... ganz klar, der Robben muss raus auf die Bank ...". Ich dachte oh mein Gott, der haut aber Nägel rein. Er hatte Recht. Ob jetzt Stuttgart dann so schwach war oder wir so stark, da scheiden sich die Geister. Auf jeden Fall hat mir das Spiel und die Einstellung gefallen. Jetzt gehört Ribery mal auf die Bank. Vieleicht mal Robben auf links. Beide, Robben und Ribery sind mir derzeit zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Zwei Ballerinas. Vieleicht eine(r) zu viel?

Chaosblogger hat gesagt…

Auch hier muss ich Danke sagen! Sehr treffend Analysiert!

Es ist einfach nur ein Trauerspiel, das unserer Führung Woche für Woche die selben Plattitüden raushaut ohne aber wirklich zu merken, dass sich nix aber auch garnix verändert. Das man sich mit den Worten der besten Mannschaft Deutschlands zur zeit absolut lächerlich macht und sich endlich mal auf das Wesentliche konzentrieren sollte.

Mal sehen was der morgige tag bringt!