Mit einem 3:0 gegen Eintracht Braunschweig im Pokal läutete der FCB die Saison 2011/2012 ein - die neue Bundesligasaison ging hingegen mit einer
Niederlage los. Im eigenen Stadion - gegen Gladbach, dem Fast-Absteiger der Vorsaison (und wer hätte zu diesem Zeitpunkt gedacht, dass die Elf vom Niederrhein in der Hinrunde für mehr als nur diese Überraschung sorgen werde). Die Sportjournalisten hatten gleich zu Beginn der Saison ein neues Lieblingskind: die gemessene Laufleistung! Und so war es eindeutig, warum der Rekordmeister gegen Borussia Mönchengladbach unter die Räder kam: man lief nicht so viel wie der Gegner. Aha!
In Wolfsburg, eine Woche später dann, zeigte der FCB einen
grauenhaften Auftritt, obsiegte aber durch ein Glückstor kurz vor Ende der Partie. Dann aber ging es richtig los - und man durfte sich zu Recht fragen, ob der
Auftakt zu Kantersiegen in Serie und einer beeindruckenden "zu-Null-Serie" nun jeweils dem schwachen Gegner geschuldet war oder einer starken Bayern-Mannschaft, die nun endlich in die Saison gefunden hatte?
Zwischenzeitlich hatte der FCB schon den Grundstein für die Champions League-Qualifikation gelegt und diese dann auch mit einem langweiligen 1:0-Sieg im Rückspiel in Zürich erreicht.
Ein souveränes
3:0 in Lautern, ein
7:0-Kantersieg gegen den SC Freiburg, ein erfolgreicher Auftakt in der Champions League bei Villarreal, das
siegreiche Comeback des Manuel Neuer in der Veltins-Arena und der obligatorische
Heimsieg gegen Bayer Leverkusen - viele Tore, keine Gegentore, der Bayern-Express rollte unter Volldampf! Als dann noch Manchester City im zweiten CL-Gruppenspiel mit 2:0 nachhause geschickt wurde, konnte es dem Bayern-Fan schon ein wenig unheimlich werden. Entscheidend waren meist frühe Bayern-Tore und eine ausgesprochen effiziente Defensivleistung des gesamten Teams - Neuzugang Manuel Neuer muss sich im falschen Film gewähnt haben, so wenig hatte der Ex-Schalker im Bayern-Gehäuse zu tun.
In Hoffenheim nahmen sich die Bayern dann eine kleine Auszeit - ein glücklicher
Punktgewinn und wieder kein Gegentor. Damit konnte man durchaus gut leben, zumal die Kraichgauer ihre beste Saisonleistung zeigten. Die Hertha aus Berlin wurde danach wieder mit einem ordentlichen 4:0
abgefertigt. In der Champions League wurde im dritten Spiel der Gruppe A dem SSC Neapel auswärts ein Punkt abgetrotzt.
Der zweite Nackenschlag nach dem missglückten Auftakt in der Liga kam dann in
Hannover. Der FC Bayern schlug sich - wie schon gegen Gladbach - selbst. In der Hannoveraner AWD-Arena spielte sich ein regelrechtes Fußball-Drama ab, nicht ganz unumstritten dabei die Schiedsrichterleistung. Es folgten zwei Siege in der Liga - gegen
Nürnberg (wieder hoch, mit 4:0) und in
Augsburg knapp. Ganz nebenbei wurde im DFB-Pokal der FC Ingolstadt mit 6:0 entsorgt. Der dritte Rückschlag für den FCB folgte in Form einer Personalie: Bastian Schweinsteiger verletzte sich beim Heimsieg gegen den SSC Neapel schwer und die Hinrunde war für den "Motor des FCB" bis auf Weiteres gelaufen. In Augsburg zeigte sich bereits, dass das Fehlen Schweinsteigers schwer zu kompensieren werden würde.
Im heiß ersehnten Duell zwischen dem amtierenden Meister und dem aktuellen Meisterschaftsfavoriten unterlagen die Bayern dann dem
BvB im eigenen Stadion - bitter und unnötig. Zum Fußball gehören allerdings auch Kampf und Bewegung - diese Eigenschaften fehlten dem Bayern-Team im Spitzenspiel in den entscheidenden Momenten. Souverän war der FCB hingegen weiterhin in der Champions League und machte mit einem Heimsieg gegen Villarreal den Einzug in die Finalrunde fix. Noch bitterer als die Niederlage gegen Dortmund war dann die Pleite in
Mainz - und irgendwie war die zeitweise gigantische Hinrunde wieder weniger glanzvoll und die Bayern plötzlich nicht mehr das Maß der Dinge. Doch die Bayern zeigten - wenngleich auch nicht mehr so dominant - Charakter, und schlugen sowohl wieder erstarkte
Bremer, als auch den
VfB Stuttgart auswärts. Auffallend war, dass nicht nur die "Lücke Schweinsteiger" nicht adäquat zu stopfen war, sondern dass sich das Team des Öfteren extrem schwer tat mit Gegnern, die hoch und kompakt verteidigen und zudem in der Lage sind, in schnelle Angriffsaktionen überzugehen. Ebenso bemerkenswert war, dass der FCB erst in Stuttgart das erste Mal im laufenden Spieljahr einen Rückstand in einen Sieg verwandeln konnte. Die Sicherheit der Abwehr ist bei schnellen Gegenangriffen dahin - und auch bei Standardaktionen ist der FC Bayern anfällig.
Trainer Heynckes hat die Defensive der Mannschaft stabilisiert und für schnelleres Umschalten nach vorne gesorgt. Dies verdankt er natürlich auch einem zusätzlichen "Abwehrspieler" und Sicherheitsfaktor namens Manuel Neuer. Heynckes profitierte ebenso von der unter van Gaal einstudierten Ballsicherheit im Team und von einem extrem effektiven Mario Gomez als einziger Spitze. Coach Heynckes ist es zu verdanken, dass Franck Ribéry die bislang beste Saison für den FC Bayern spielt (bester Scorer-Wert) - der Dribbelkönig hat wieder Spaß am Fußball.
Die Stimmung und Harmonie im Team ist gut; Heynckes' "Rotationsprinzip" wird akzeptiert - menschlich ist der neue Bayern-Trainer ein deutlicher Zugewinn. Taktisch doktert Heynckes immer noch am Team herum - es fehlen Spitzenkräfte als Alternativen für diverse Positionen - nicht nur für Schweinsteiger. Daher ist man auch an Marco Reus von Borussia Mönchengladbach interessiert - Jupp Heynckes will die Qualität in der Breite erhöhen, wie das bei europäischen Top-Teams Usus ist.
Die taktische Vielfalt hat aber auch Heynckes der Mannschaft noch nicht vermitteln können, aber es ist ja auch gerade erst eine Hinrunde absolviert.
Ob sich Neuzugänge wie Petersen oder Usami langfristig durchsetzen, wird sich vermutlich nicht mal in dieser Spielzeit beantworten lassen. Luiz Gustavo ist noch nicht beim FCB angekommen; Rafinha hat ebenfalls noch Steigerungsmöglichkeiten - und Boateng wird wegen van Buytens guter Form wieder regelmäßig auf die Außenverteidigerposition verbannt. Fraglich ist auch der weitere Saisonverlauf für den wieder genesenen Arjen Robben. Bleibt Robben gesund, ist er vielleicht das Zünglein an der Waage in den kommenden Top-Spielen. Schweinsteigers Genesung macht deutliche Fortschritte, er trainiert bereits wieder mit dem Reserve-Team.
Ein ganz wichtiger Baustein im Bayern-Team ist Toni Kroos, der unter Heynckes nicht wieder zu erkennen ist. Kroos ist vielleicht die positivste Erscheinung im aktuellen Kader.
Bis zum letzten Spieltag liegt der FC Bayern nun also mit drei Punkten Vorsprung und der deutlich besseren Tordifferenz vor der Konkurrenz in Führung - und wird wohl als Herbstmeister über die Halbdistanz gehen. In der Champions League hat der FCB in der "Todes",- "Hammer-", "Knaller"-Gruppe souverän den Einzug als Gruppenerster in die Finalrunde erreicht - und im Pokal steht noch das Achtelfinalspiel beim VfL Bochum aus. Vorausgesetzt man blamiert sich nicht wieder gegen den Effzeh aus Köln und fliegt nicht gegen Bochum aus dem Pokal, ist die Hinrunde alles in allem im grünen Bereich und lässt auf ein Titeljahr hoffen. Doch die Saison ist eisenhart, das hat sich schon in der Hinrunde angekündigt. Einerseits ist die Leistungsdichte in der Liga enorm - Schalke, Dortmund, Gladbach, Bremen spielten allesamt eine (Ergebnis-)starke Hinrunde, andererseits kommen in der Champions League jetzt die richtigen Herausforderungen! Die Wundertüte DFB-Pokal ist der am wenigsten wichtige Wettbewerb in der aktuellen Saison, aber natürlich würde der FC Bayern nur allzu gerne wieder in Berlin die Rekordserie von DFB-Pokal-Titeln ausbauen. Am Ende muss der Meistertitel her - und vom Finalsieg in der Champions League im eigenen Stadion am 19. Mai träumt natürlich jeder Bayern-Fan, aber bis dahin fließt noch verdammt viel Wasser die Isar herunter.