Liebe Fußballfans, lasst Euch nicht beirren - es sind die üblichen Reflexe im deutschen Sportfernsehen, dass man Euch weismachen will, Ihr hättet ein überragendes Fußballspiel gesehen, weil der Favorit dem Herausforderer unterlag. Dem war aber nicht so. Die Freude über diesen Fußballknaller, dem Topspiel der Hinrunde, verflog bereits nach fünfzehn Minuten Spielzeit, denn man ahnte wie zermürbend und wenig elektrisierend diese Partie werden würde. Was man sich auch immer vorab davon versprochen hatte, es hielt den Erwartungen nicht stand - und das war auch früh zu erahnen. In unglaubliche 200 von 197 Länder wurde die Partie der Bayern in rot gegen den 1. FC Nürnberg in schwarz-gelb übertragen, das war aber auch das einzige Superlativ.
Ich hatte den Eindruck, dass Gagelmann im Zweifel pro Dortmund gepfiffen hat. Sicher kein spielentscheidender Fehler, aber doch tendenziös. Schmelzer hätte spätestens nach seinem dritten Foul Gelb sehen müssen, vielleicht auch Bender... (diese Einschätzung stammt übrigens nicht von mir, sondern aus neutraler - Frankfurter - Sicht). Die gelbe Karte für Badstuber war ein Witz, Gustavo wurde vom Schiedsrichter verschont und Ribéry sollte solche unschönen Versuche wie die Schwalbe in Zukunft bitte lassen.
Der BvB beschränkte sich darauf, den Bayern das Leben so schwer wie möglich zu machen, spielte erwartungsgemäß aggressiv "hoch gegen den Ball" und igelte sich bei Bedarf vor dem eigenen Strafraum massiv ein. Dagegen ist ohnehin schon wenig Kraut gewachsen, aber die Bayern von Samstagabend schafften es tatsächlich so schwach aufzutreten, wie zu Beginn der Saison in Spielen wie gegen Gladbach oder bei Wolfsburg. Was für eine Enttäuschung!
Wo war der Toni Kroos, der uns die letzten Wochen so beeindruckte? Wo der Thomas Müller, der die Niederländer beim letzten Länderspiel reihenweise an der Nase herumführte? Wo waren die dynamischen Offensivaktionen eines Philipp Lahm? Wo im Himmel war Mario Gomez? Und warum hatte man den Eindruck, den Ribéry der Vorsaison auf dem Platz zu sehen, statt den genialen Außenstürmer der letzten Monate? Das alles hatte Gründe - und die lagen auch in der von Jupp Heynckes gewählten Aufstellung.
Die Gäste störten früh, verteidigten massiv und versuchten immer wieder zahlenmäßige Überlegenheit dem Ball führenden Spieler gegenüber zu stellen - offensive Bemühungen gab es kaum. Und die Bayern? In ein taktisches Korsett gezwängt, das ihnen (noch) nicht passte, spielten einfallslos und uninspiriert wieder und wieder durch die Mitte - dort, wo der Dortmunder Verteidigungswall am stärksten war. Die Aktionen über außen liefen ins Leere, da Ribéry und Robben keinerlei Unterstützung bekamen. Die Gastgeber verhedderten sich in aller Regelmäßigkeit in diesem Geflecht aus Dortmundern - Klopps Taktik ging also auf. Die taktischen Maßnahmen von Bayern-Trainer Jupp Heynckes hingegen scheiterten auf ganzer Linie. Seine Aufstellung erschwerte ein Spiel, das auch in die Breite hätte verlagert werden und so für Durchlässigkeit in der Mitte hätte sorgen können. Der Grund: Zum einen ließ er einen Spieler auflaufen, der seit drei Monaten nicht mehr gespielt hatte, zum anderen veränderte er das eingespielte System, in dem er Müller zentral einsetzte und die Doppelsechs durch Gustavo und Kroos besetzte. Die so wichtigen Offensivqualitäten eines Toni Kroos kamen damit nicht zum Tragen, Müllers Bewegungsfreiheit wurde auf ein Minimum reduziert - und Arjen Robben war der vermeintliche Trumpf, der nicht stach - was ja nun wirklich niemanden überraschen konnte. Heynckes wollte für ein besonderes Spiel eine besondere Maßnahme treffen, das aber ging leider nach hinten los.
Die Wechsel am Ende sahen eher nach Verzweiflung aus - zumal Heynckes irritierender Weise die Positionen so beließ. Es wäre vielleicht hilfreicher gewesen Müller nicht auszuwechseln, sondern auf die Robben-Position zu beordern. Ivica Olic beweist leider bei keiner seiner Gelegenheiten in den letzten Wochen, warum er eine Stammposition verdienen würde.
Doch allein die Schuld beim Trainer zu suchen, wäre nicht fair. Die Mannschaft spielte nicht auf dem Niveau, das man hätte erreichen müssen, um die Absenz eines Bastian Schweinsteigers zu kompensieren. Ribéry blieb ohne Unterstützung von Lahm, Gomez ohne Unterstützung von Kroos oder Müller, Müller ohne Unterstützung von Robben oder Kroos - jeder für sich allein und ohne Esprit und wilder Entschlossenheit, so geht's natürlich nicht. Ein FCB bei 60 Prozent gegen eine Dortmunder Borussia bei 70 Prozent war das, was wir sahen - und somit geht die knappe Niederlage genau so auch in Ordnung - wie oft haben wir schon Spiele so schmutzig gewonnen?! Dortmund wartete auf den "lucky punch" und setzte ihn. Und - um Himmels Willen - man höre doch bitte mit diesem peinlichen Vergleich der Laufleistung auf, der sich seit dieser Saison so penetrant in den Medien ausbreitet. Dortmund ist zehn Kilometer mehr gelaufen? Das ist im Schnitt ein Kilometer pro Feldspieler mehr - was für ein Mumpitz, dies als Ursache anzuführen! Die Bayern hätten nicht mehr laufen müssen, sondern nur anders.
Verschenkte drei Punkte als Vorweihnachtspräsent für den amtierenden Meister. Großzügig von uns - dumm nur, dass das komplette Verfolgerfeld (abgesehen von Bremen) an diesem Wochenende siegte. Wir sahen ein mäßiges Spitzenspiel, das nur von der (An)Spannung lebte - enttäuschend, wenn man bedenkt, welch' hervorragende Fußballer da auf dem Platz standen. Sollen sich die Dortmunder ruhig als großer Bayern-Jäger und Triumphator fühlen, vergleicht man die Leistung der letzten Saison mit der von Samstag, müssen wir vor dieser Borussia keine Angst haben. Genau so hat der 1. FC Nürnberg vor nicht allzu langer Zeit bei uns auch schon gespielt. Ein FCB bei hundert Prozent hätte Klopps Truppe auseinander genommen. Umso ärgerlicher ist das Auftreten der Roten gewesen - wie kann man so eine Chance ungenutzt lassen?! Ausgerechnet gegen Borussia Dortmund machen wir eines unserer schlechtesten Spiele. Das verdirbt mir wirklich die Laune.
Es hatte nicht nur den Anschein, dass die Bayern nicht zu hundert Prozent mit der nötigen Konzentration ins Spiel gegangen waren, Trainer Heynckes bestätigte diesen Eindruck dann auch nach der Partie bei der Pressekonferenz. Die Länderspielpause hatte uns - wieder mal - nicht gut getan. Drei Punkte kann man verschmerzen, aber dieser Mangel an Konzentration in so einem Spiel ist das, was wirklich ängstigt. So eine Leistung im Pokal - und man ist schnell aus dem Wettbewerb gekickt und niemand fährt nach Berlin. So eine Leistung in der Finalrunde der Champions League - und der Traum vom Finale in München wird auf ewig einer bleiben. Auf diese Art wird es keine Traum- sondern eine Albtraumsaison. Da muss man Herz zeigen, da muss man sich zerreißen - aber nicht so, meine Herren! Kuschelkurs mit Götze & Co bei Länderspielen ist ja okay, aber danach muss auch Schluss damit sein.
Wie sagte Uli Hoeneß noch auf der Jahreshauptversammlung am Freitagabend in Richtung Nerlinger und Jung?: "Die Lehrzeit ist vorbei!" Das gilt auch für die Mannschaft - in diesem Jahr müssen Titel her!
Bayern München vs Borussia Dortmund 0:1 (FernglasFCB tippte: 3:1)
Zum Suizidversuch von Schiedsrichter Rafati schreibe ich hier nichts - das hat mit Sport (hoffentlich) nichts zu tun. Gute Besserung!