Die Kritik an Uli Hoeneß kommt mir derzeit wie kochendes Nudelwasser vor - erst nur ein paar Spritzer hier und da, bis dann das siedende Wasser ordentlich überläuft. Es ist Trend geworden, den FC Bayern und Uli Hoeneß für dies und jenes zu kritisieren. Es sieht so aus, als könnte der Präsident (und auch der FC Bayern) derzeit nichts richtig machen.
Einkaufspolitik
Die Versäumnisse vor und auch während der Saison auf dem Transfermarkt tätig zu werden, wurden in erster Linie der Vereinsführung angelastet. Kopfschüttelnd nahm der Bayern-Fan nach null Einkäufen zum Saisonbeginn die Duldungsstarre in der Winterpause hin. Die Defizite in der Abwehr waren allzu offensichtlich (sie waren bereits in der Vorsaison im Champions League-Wettbewerb zu erkennen). Doch es war der Trainer, der keine Neuzugänge für notwendig hielt. Soviel zur Einmischung der Bayern-Führung in die Verantwortlichkeit des Trainers. Das stete Wechselspiel in der Abwehr war ein Offenbarungseid van Gaals, der bereits vor der Transferperiode im Winter Woche für Woche offensichtlich wurde.
Abgänge
An dem Weggang von Lucio und Mark van Bommel machte sich überdies Kritik an der Vereinsführung fest: Warum kein klares Bekenntnis zu einer loyalen Größe wie dem Aggressive Leader van Bommel, dessen Traumverein der FCB war? Der Niederländer flüchtete vor seinem Landsmann van Gaal, bevor er auf der Bank zu versauern drohte - wie auch Lucio zuvor. Der Vorstand schritt nicht ein. Auch hier keinerlei Einmischung in die sportliche Leitung.
Der Torhüter
Die Diskussion um den Wunsch Manuel Neuer zu verpflichten, fand ihren Höhepunkt als van Gaal das Nachwuchstalent Thomas Kraft als Nummer Eins im Tor beförderte. Ohne Not, denn Hansjörg Butt war bis zu diesem Zeitpunkt über jeden Zweifel erhaben. Van Gaal wollte Millionenbeträge für den Neuer-Transfer sparen - aus Prinzip. An sich ist daran nichts zu kritisieren, doch hatte die Bayern-Führung zu diesem Zeitpunkt schon überdeutlich ihre Interesse an Deutschlands Nummer Eins bekundet. Den sauren Drops, den ihnen van Gaal servierte, haben sie gelutscht - auch hier mischte man sich in die Aufstellung Louis van Gaals nicht ein.
Dass ein Verein wie der FC Bayern mit seinen Möglichkeiten und seiner Strahlkraft einen Torhüter wie Manuel Neuer verpflichten will, darüber hat sich Jahrzehnte niemand im Bayern-Fanlager aufgeregt. Nach großen Stars wurde geschrieen, die Besten müssen bei Bayern spielen - und der Nationaltorhüter muss ohnehin von den Roten kommen. Bei Neuer ist das nun anders - aber auch nur für die Münchner Ultraszene, der es nicht gefällt, dass Neuer als Fan in der Schalker Kurve stand und mit einer Gelsenkirchner Ultra-Gruppierung sympathisiert. Doch die Meinung der Ultras spiegelt nicht die Meinung der Bayern-Fans wider - zudem entscheidet über Transfers immernoch das hierfür von den Vereinsmitgliedern gewählte Gremium. Die Art und Weise wie unser Nationaltorhüter in München bepöbelt und beschimpft wurde, war peinlich und vereinsschädigend.
Der Vorwurf, der nun in Blogs und Foren immer wieder zu lesen ist, dass die Führung des Vereins dem Trainer im Hinblick auf Taktik und Personalien in die Parade fuhr, ist absurd. Nichts davon hat Hoeneß & Co. getan. Sie haben ihn machen lassen - auch wenn dadurch die Vereinspolitik in Frage gestellt wurde und sportlich fragwürdige Ergebnisse die Folge waren.
Sechzig
Auf der Jahreshauptversammlung versprach Uli Hoeneß, dass es in Zukunft keine Unterstützung für den Lokalrivalen 1860 München geben wird. Als dann von Hilfe in Form von Darlehnsstundung die Rede war, kochten Teile der Südtribüne über vor Wut. Unwissenheit über die Regularien, denen der Klub und so auch Hoeneß unterworfen ist, sorgten für unangebrachte und auch in ihrer Form unangemessene Parolen im Fanblock. Die Stundung ist allerdings keine Hilfe im eigentlichen Sinne, sondern gesetzliche Verpflichtung einerseits und im wirtschaftlichen Interesse des FC Bayern andererseits. Hoeneß hat also weder sein Wort gebrochen, noch hat er etwas falsch - oder gar Schädigendes für den Klub Bayern München - gemacht. Einzig mangelhafte Kommunikationspolitik im Vorfeld kann man dem Klub vorwerfen.
Trainerentlassung
Angesichts der Fehleinschätzungen und Unbelehrbarkeit van Gaals, die zu einer sportlich desaströsen Saison geführt haben, ist der Ärger bei Hoeneß nur allzu verständlich - und es ist auch nicht neu, dass Uli Hoeneß aus der Haut fährt, wenn etwas seinem FC Bayern in die Quere kommt. Bei seinem legendären Interview kurz nach van Gaals Vertragsverlängerung, ließ er seinen Unmut erstmalig aufblitzen. Eine deutliche Warnung an van Gaal, der dieses Zeichen aber nicht zu deuten wußte und die beleidigte Leberwurst spielte. Die Rolle des Opfers nahm Louis van Gaal gerne an, bestätigte aber letztlich bis zum Schluss seine Sturheit. Als ein Spieleraufstand drohte und die Champions League-Qualifikation in Gefahr war, zog der Vorstand die Bremse. Dies war nach der Vereinbarung über das Vertragsende zum Saisonschluss auch so deutlich kommuniziert worden: "wenn die Champions League in Gefahr gerät, reagieren wir."
Hoeneß war uns allen eine Erklärung schuldig - und genau das tat er dann in der Pressekonferenz nach van Gaals Entlassung. "Nachtreten", "mit Schmutz bewerfen" hieß es plötzlich. Dabei hatte Hoeneß in seiner ureigenen deutlichen Art nur gesagt, was letztendlich zu diesem Schritt geführt hat. Dass es in ihm seit Monaten brodelte, benötigte ein Ventil - so isser eben, der Uli Hoeneß - und so war er auch schon immer.
Gazprom
Eine Falschmeldung in den Medien, die darüber spekulierte, dass der FC Bayern einen Sponsoren-Deal mit Gazprom abgeschlossen hätte. Ein Aufschrei bei Twitter! Warum eigentlich? Weil es Gazprom ist? Weil es der Schalker Sponsor ist? Letztendlich hat sich nichts davon bewahrheitet, aber die Kritiker standen schon in den Startlöchern, um ordentlich loszuzetern.
Beitragserhöhung
Last but not least hat der FC Bayern seine Mitgliedsbeiträge erhöht. Vermutlich um die "Hilfe für Sechzig" damit zu finanzieren - Scherz beiseite. Aber obwohl der Klub seit Jahren keine Beitragerhöhungen vorgenommen hat und sich mit den Mitgliedsbeiträgen im unteren Drittel der Beitragstabelle aller Erstligisten befindet, unken schon Bayern-Fans, dass diese Maßnahme zu einem äußert ungünstigen Zeitpunkt erfolgt. Gibt es einen günstigen Moment für die Erhöhung von Mitgliedsbeiträgen?
Ganz abgesehen davon bietet der Klub einen personalisierten Trost-Schal an - eine nette Geste wie ich finde.
Wenn man mal die übertriebene Emotionalität weglässt und Detail für Detail betrachtet, relativieren sich viele Vorwürfe zu Luftblasen. Natürlich darf man den FC Bayern und auch Hoeneß kritisieren - aber bitte nur dann, wenn es auch angebracht ist. Und auch bitte in einer adäquaten Form. Wenn die Kritik dann auch noch aus den eigenen Reihen kommt, sollte man vielleicht noch etwas mehr Sorgfalt walten lassen und die Dinge im Kontext sehen und dann richtig zu deuten. Einfach nur zu plärren weil es andere tun, ist weder hilfreich, noch besonders trendy.