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Donnerstag, 3. November 2011

Bitter Sweet Symphony


 
(via twitter - @RaublingCasual)
 
Nein, freuen kann sich der Bayern-Fan über den gestrigen Abend nicht - trotz des Sieges, einer überragenden ersten Halbzeit und dem großen Schritt in Richtung Achtelfinale der diessaisonalen Champions League. Seele, Motor, Taktgeber des Bayern-Spiels,  Bastian Schweinsteiger, erlitt einen Schlüsselbeinbruch und fällt wohlmöglich für den Rest der Hinrunde aus. Das ist besonders bitter, da noch Gegner wie Dortmund, Werder und Stuttgart, sowie das Auswärtsspiel in Mainz auf dem Plan stehen - von den kommenden Champions League-Begegnungen gegen Villarreal und Manchester City mal ganz abgesehen. Am Ende bleibt Bitternis über den Verlust des Impulsgebers Schweinsteiger, der in seiner derzeitigen Form nicht zu ersetzen ist. Mit einfachen Worten: spätestens jetzt bekommen wir Schwierigkeiten.

Der süße Teil der Symphonie in Rot fand in der ersten Hälfte statt: Bayern spielte nach etwa fünfzehn Minuten Barcelona - dominierte nach Lust und Laune den Gegner, erstickte den gegnerischen Plan mit sicherem Passspiel und einem Hattrick von Mario Gomez. Selbst Walter Mazzari, Trainer des SSC Neapel, der zuvor noch nervös an der Außenlinie hin- und her sprang, verfiel in eine ungewohnte Duldungsstarre, als er zusehen musste wie sein Team von den Bayern regelrecht zerlegt wurde. Man musste schon zwei Mal hinschauen, ob die Bayern nicht doch gegen Ingolstadt spielen, statt gegen ein Team der italienischen Serie A.

Die Anfangsviertelstunde war ein Anrennen der Bayern gegen einen massiven Abwehrverbund aus zehn Spielern. Neapels Respekt drückte sich einer Verteidigungsstrategie aus, die an die römische Schildkrötenformation erinnerte - kein Durchkommen möglich. Doch die individuelle Klasse eines Bastian Schweinsteigers und eines Mario Gomez löste dann den Gordischen Knoten per Zuckerpass und Gomez' Ballannahme mit rechts und Abschluss mit links. Eine winzige Lücke, eine klitzekleine Unaufmerksamkeit - und die Bayern schlugen zu. Innerhalb von 27 Minuten demontierte dann Mario Gomez die Gäste und verlieh sich selbst das Prädikat neuer deutscher Rekordtorschütze der Champions League. Nach Kroos-Flanke das 2:0 und das 3:0 in Abstauber-Manier - ganz großer Sport, Herr Gomez! Torverwertung, aber eben auch Defensivaktionen und das Wiedererkämpfen des Balles nach dessen Verlust, zeichneten den Top-Stürmer gestern Abend erneut aus. Was immer der Klub für diesen Mann einst bezahlen musste, er ist jeden Euro wert.    
Wie ein angestochener Stier liefen die "Azzuri" wieder und wieder ins Leere und schienen so langsam die Lust zu verlieren, gegen einen Gegner der nach Herzenslust das Spiel verlagerte und sein Passspiel zelebrierte, um Lücken in den massiven neapolitanischen Abwehrverbund zu reißen. In der 45-sten Minute konnten die Gäste dann einem Standard per Kopfballtor verwerten, für einen kurzen Moment war die Bayern-Defensive indisponiert und die Effizienz der Neapolitaner zurück. Die eindrucksvolle Bilanz der Bayern zur Pause: 73 Prozent Ballbesitz, 91 Prozent Passgenauigkeit und 62 Prozent gewonnene Zweikämpfe für Bayern München.

Selbst nach dem 3:0 schwante mir, dass die Partie noch nicht unter Dach und Fach ist. Die Vielzahl an schlechten Erfahrungen mit italienischen Teams - ob Vereinsmannschaften oder Nationalmannschaft - löst in mir jedes Mal eine beunruhigte Grundstimmung aus. Egal wie überlegen das alles aussieht, egal ob man führt oder überhaupt defensiv gefordert ist, plötzlich sind sie da und treffen - einfach so, aus dem Nichts. Der "Pippo Inzaghi-Faktor", wenn man so will.  
Das Drama ereignete sich dann kurz nach der Pause - Zweikampf zwischen Schweinsteiger und Inler und der zweite Kapitän der Bayern greift sich an die Schulter und signalisiert "auswechseln". Da sah man schon wie ernst die Situation ist. Für Bastian Schweinsteiger schickte Trainer Heynckes dann Tymo auf das Feld, der seine Sache sehr ordentlich machte. Nach dem Ausfall merkte man den Bayern an, dass sie geschockt waren. Auch fehlten Schweinsteigers Ideen dem Bayern-Spiel. Neapel witterte seine Chance, spielte mit zunehmender Härte und Aggressivität. Zuniga holte sich dann innerhalb von etwas über einer Minute zwei Gelbe Karten ab und musste vom Platz. Sieben Minuten später erwischte es dann Badstuber, der für einen vergleichsweise harmlosen Körperkontakt seine zweite Gelbe Karte bekam und ebenfalls vom Platz gestellt wurde. Kurz darauf der Anschlusstreffer für die Gäste aus Neapel - wieder per Kopf, wieder nach einem Freistoß. Und wieder sah die Bayern-Abwehr nach einer Standardsituation recht blass aus. 
Zum Ende der Partie waren die Bayern dem 4:2 näher als die Neapolitaner dem Ausgleich - in der vierten Minute der Nachspielzeit schießt Gomez den Ball nach einem gewonnenen Zweikampf vor dem eigenen Strafraum am aufgerückten Torhüter vorbei. Der Ball rollt aufs Tor zu und kann gerade noch von Schlussmann De Sanctis entschärft werden - es folgt der Schlusspfiff einer zum Ende dann doch hochdramatischen Partie. 

Was bleibt, ist in erster Linie Bitterkeit über die schwere Verletzung Schweinsteigers. Obwohl die Bayern noch nicht fürs Achtelfinale qualifiziert sind (City gewann bei Villarreal), hat man einen Riesenschritt dahin gemacht und darf sich berechtigerweise Hoffnungen auf den Gruppensieg machen. Die Leistung des FCB in der ersten Halbzeit wird man auch in Barcelona, Madrid, Mailand oder Manchester beeindruckt zur Kenntnis genommen haben. Das war richtig geiler Fußball, aber eben auch ein bittersüßer Abend für uns.     

Bayern München vs SSC Neapel 3:2 (FernglasFCB tippte: 2:1)

4 Kommentare:

Paul hat gesagt…

Huhu, Herr Zechbauer, das zweite Tor war aus einem Freistoß aus dem halbfeld heraus – nicht nach einer Ecke (wie auch das erste nicht). Gestern warst Du doch (bestimmt) nicht im Stadion. ;)

Ansonsten sehr gute Zusammefassung!

Zechbauer hat gesagt…

Okay, einigen wir uns auf Standardsituationen... bin noch völlig daneben von diesem doch sehr achterbahnmäßigen Spiel. Hatte Eckstöße in meiner Murmel gespeichert... ich werd alt.

Betzebub hat gesagt…

Man merkte unweigerlich den Schock. Bis dahin war es europäischer Spitzenfußball. Gilt zu hoffen, daß Schweini bald wieder kommt. Ihr müsst mal in Europa was reißen. Wird Zeit.
Gruß aus der Pfalz.

Der Libero hat gesagt…

Schöne Headline zu einer schönen Zusammenfassung.