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Freitag, 23. September 2011

The League Is A Vampire

Ich möchte das Thema Neuer-Wechsel nochmals aufgreifen und das nicht weil Manuel Neuer nun bei Bayern im Tor steht oder weil es Schalker Fans waren, die ihm letztes Wochenende diesen schaurigen Empfang bereitet haben. Es war bei Ballack in München nicht so viel anders - und es kommen andere Spieler, bei denen der Wechsel zu einem anderen Verein solche unschönen Emotionen auslösen.
Was mich wirklich wundert, ist der Erklärungsversuch einiger Schalker Anhänger oder auch von Herrn Heldt, der dieses Verhalten a) legitimiert und b) in das Kleidchen der zu akzeptierenden emotionalen Haltung der Fans steckt (wie Manuel Neuer selbst übrigens auch). Noch mal: Bei uns Bayern-Fans ist es nicht anders und auch nicht besser - und mich graust es jedes Mal, wenn ein Michael Ballack in der Allianz-Arena ausgepfiffen wird.

Beschränktes Zeitfenster
Die Karriere eines Spielers der Profiliga beläuft sich - wenn alles gut geht - auf ungefähr 15 Jahre im Höchstfall. Maximal fünfzehn Jahre einer beruflichen Tätigkeit, in der der Spieler alles erreichen kann - bis hin zum Millionär mit anschließender Job-Garantie in Vereinen oder in der Medienbranche. Der Weg dorthin ist steinig, das Risiko hoch. Ich bin als Jung-Profi also gut beraten, die richtigen Entscheidungen zu treffen, wenn ich das Maximum erreichen will: Erfolg, berufliche Sicherheit und genügend Geld. Dieser Weg beginnt im Jugendbereich. Spielt man für den FC Kleinmannshausen und am Spielfeldrand stehen Beobachter aus Schalke, Dortmund oder Leverkusen, braucht man nicht lange zu überlegen, wenn bei einem entsprechenden Angebot einer der "Großen" Interesse hegt. Da geht man doch zu Schalke, Dortmund oder Leverkusen, statt in Kleinmannshausen zu bleiben. Für Profis ist das alles nichts Ungewöhnliches - ihre Karriere ist mit solchen Wechseln und Entscheidungen von frühester Jugend an gespickt.

Als Bundesliga-Profi und als Sportprofi ganz generell steckt man sich Ziele und verfolgt sie vehement, denn anders ist eine erfolgreiche Karriere nicht zu erreichen - dazu gehören letztendlich Titel, Teilnahme an internationalen Wettbewerben und die Nationalmannschaft. Das alles in einem Zeitrahmen zu schaffen, der im besten Fall zwölf bis fünfzehn Jahre dauert, ist ambitioniert. Eineinhalb Jahrzehnte im Beruf sind nicht wirklich viel. Hier trifft der Jungprofi eine Entscheidung für sich, nicht für Fans oder Verein, sondern allein ausgerichtet auf Erfolgsaussichten, Bezahlung und Karriereoptionen - und dies ist absolut legitim. Dafür hat er hart gearbeitet und auf Vieles verzichtet, ganz abgesehen vom stets präsenten Risiko einer Verletzung, die im schlimmsten Fall die Karriere abrupt beenden könnte, und mit der Ungewissheit ob das Ganze überhaupt jemals zu dem gewünschten Erfolg führt. Zu glauben, dass ein Manuel Neuer oder wer auch immer zu Vereinstreue verpflichtet ist und dass die Fans einen Anspruch auf solche Spieler erheben, halte ich für falsch. Wir als Fans erwerben nicht das Recht an einem Spieler. Wir erwerben das Recht auf Einsatz und Bemühen. Nicht mal gute Leistungen können wir einfordern, denn die Protagonisten unseres Sports sind Menschen und keine Maschinen. Sie funktionieren nun mal nicht immer einwandfrei. Allein der Wille und der Einsatz gute Leistungen erbringen zu wollen ist etwas, das wir mit unserer Eintrittskarte oder unserem PayTV-Abonnement und auch für den Aufwand unserer Zeit wirklich verlangen dürfen. Das Recht am Spieler - im arbeitsrechtlichen Sinne - besitzt der Verein. 

Was hat Manuel Neuer getan - und wie hat er es getan? 
Das Ausnahmetalent Neuer zählt zu den besten Torhütern der Welt, darauf war man auch auf Schalke lange stolz. Hätte er mit dem FC Schalke das erreichen können, was mit einem FC Bayern möglich ist? Mit Sicherheit nicht, oder zumindest nicht innerhalb der nächsten Jahre. Er hat sich also für die Option "Erfolg und Perspektive" entschieden und verdient ganz nebenbei auch noch mehr Geld bei seinem neuen Klub. Neuer traf eine Entscheidung, die wohl die meisten von uns im Berufsleben genauso getroffen hätten. Ist es da nicht etwas verlogen, Treue einzufordern und den Spieler im Hinblick auf seine individuelle Entscheidung zu kritisieren? Da standen am vergangenen Sonntag 20-Jährige auf den Tribünen, von denen der ein- oder andere vielleicht nicht mal den Ehrgeiz aufbringt eine Ausbildung zu absolvieren oder erfolgreich zu beenden. Diese Jungs fühlen sich verraten von einem Gleichaltrigen, der seit frühester Jugend für seinen Sport hart gearbeitet hat, nicht in Diskotheken oder Clubs ging, weil am nächsten Tag ein Spiel anstand - der drei bis vier Mal unter der Woche trainierte und in erster Linie Verzicht leistete. Verzicht auf das, was für junge Menschen seines Alters normal war. Mit welchem Recht echauffieren sich diese Leute nun also über die individuelle Karriereentscheidung eines solchen Spielers?
Das "Wie" des Abgangs Neuers hätte wie aussehen sollen, damit es akzeptabel ist? Manuel Neuer leistete seit gut einem Jahr vor dem Wechsel zu Bayern keine "Schalke-Treueschwüre" mehr und hielt sich auf die Frage seiner Karriereplanung merklich zurück. Diese Zurückhaltung ließ keine Fragen offen - Neuer würde früher oder später wechseln / wechseln müssen. Wie hätte Neuer es richtig machen können? Hätte ein richtig überhaupt gegeben? Wäre er zu Manchester United gegangen, wäre der Aufschrei genauso groß gewesen? Ich denke nicht. Der Wechsel "zu den Bayern" ist es doch, der diese Emotionen auslöst - aus Rivalitätsgründen wäre höchstens noch ein Wechsel zum BvB dem gleichgekommen.  

Die abenteuerlichste These las ich bei Twitter: Manuel Neuer muss dem FC Schalke für seine Ausbildung dankbar sein - im Umkehrschluss heißt das: Neuer ist undankbar, weil er nun wechselte. Hat Schalke ihn zu dem gemacht, der er heute ist? Oder war er es nicht am Ende selber? Hat der Verein in den letzten 20 Jahren nicht von Neuer profitiert, sondern nur Neuer von Schalke? Ich weiß nicht wie viele Punkte Neuer für Schalke gerettet hat  - noch weniger weiß ich, wie man diese Bilanz in monetären Erfolg des Klubs umrechnet. Aber sicher ist, dass der FC Schalke mindestens ebenso dankbar gegenüber dem Spieler Manuel Neuer sein muss, wie es umgekehrt der Fall ist.

Emotionen
Neuer ist Mitglied bei Schalke 04 und er ist Fan des Vereins. Daran ist nichts auszusetzen - und daran wird sich wohl auch nichts ändern. Dies ist ein Kompliment für den Verein und dessen Fans, so empfinde ich es. Was hätte der Klub und seine Fans für ein Bild abgegeben, wenn man Manuel Neuer beim ersten Auftritt im Bayern-Trikot in der Veltins-Arena gefeiert hätte? Wäre das nicht ein Gewinn für den Klub, die Schalker Fans und vor allem für den Fußball in Deutschland ganz allgemein? Der Charakter einer Gesellschaft zeigt sich an bestimmten Verhaltenweisen. Und leider sind negative Ausdrucksformen eine sehr deutsche Attitüde. Hier werden verdiente Nationalspieler ausgepfiffen, ganz unabhängig von ihren erbrachten Leistungen - in England würden sie unabhängig von ihrer Vereinszugehörigkeit stolz beklatscht. Als Schalke 04 bei Steaua Bukarest auflief, klatschten die rumänischen Fans frenetisch Beifall als Raúl den Platz betrat - weil sie sich freuten, einen solchen Spieler sehen zu dürfen. Dass so etwas in Deutschland passiert, kann ich mir nicht vorstellen.

Die emotionale Welt beim FC Schalke soll eine andere sein, so hört und liest man es von Schalker Seite immer wieder. Wenn diese Emotionalität ein negatives Gesicht hat, ist das jedoch kein Ruhmesblatt. Noch mal: das gilt vereinsübergreifend. Natürlich ist niemand als Fan eines Vereins froh darüber, dass es da noch einen Größeren gibt, der immer in der Lage ist Spieler wegzulocken. Aber auch Schalke ist für andere Klubs einer dieser Großen. Auch beim FC Schalke beisst man kleinere Konkurrenten weg, wenn es um talentierte Spieler geht. Hier, im Haifischbecken Profifußball, zählt das Recht des Stärkeren. Wie übrigens auch sonst im Leben. Und davon profitiert eben auch ein Verein wie Schalke, beispielsweise im Nachwuchsbereich. So emotional der Verein zu sein scheint, so unterkühlt sieht die Betreuung neuer Talente aus, wenn es darum geht im Jugendbereich dafür zu sorgen, dass Schule und Ausbildung neben dem Fußballsport nicht vernachlässigt werden. Da ist der Verein Schalke 04 sich selbst der nächste. Doch das war Manuel Neuer auch, als um die eigene Karriereplanung ging.
Lassen wir doch mal diese ganze Sozialromantik beiseite. Die Bundesliga ist seit vielen Jahrzehnten (auch) ein Geschäft und wir als Fans nehmen daran Teil. Nicht weil man uns dazu zwingt, sondern weil wir Teil des Ganzen sein wollen. Wer sich die Worte "Stolz", "Ehre" und "Treue" auf die Fahne schreibt und andere daran misst, der sollte reflektiert bleiben und diesen moralischen Maßstab zunächst bei sich selbst anlegen.     

10 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

optimaler bericht und punktgenaue reflexion, danke dafür.

Marco hat gesagt…

Absolut perfekt eingeschätzt und großartig geschrieben!

Racer hat gesagt…

Ohne die Qualität deiner anderen Artikel schmälern zu wollen: Das war mit Abstand das Beste, was ich in der letzten Zeit quellen- und "vereinsübergreifend" zum Thema Fussball gelesen habe.

Vielen Dank!

panaManga hat gesagt…

Du sprichst mir aus der Seele. Endlich ein wenig Vernunft in dieser ganzen Neuer-Schalke-Sache.

borttronic hat gesagt…

Hut ab, der Artikel gefällt mir. Lässt sich doch wunderbar auf viele andere Beispiele übertragen. Kommt direkt in die Bookmarks und wird bei nächster Gelegenheit verlinkt.

Danke schön!

arthurfriedenreich hat gesagt…

man muss da aber aufpassen, dass man nicht völlig am fan vorbei schreibt. wenn man im block steht, dann will man sich eben keine gedanken darüber machen, dass fußballspieler arbeitnehmer sind, dass sie einen karriereplan verfolgen usw. da will man an nostalgie glauben, an ewige treue, an blau-weiße herzen, an bolzplatz mentalität. und nur weil so gedacht wird, funktioniert das fußball-geschäft überhaupt. und deshalb gehört diese fan-reaktion einfach dazu. das ist show-business.

Zechbauer hat gesagt…

@arthurfriedenreich: Da gebe ich Dir Recht - es kommt aber sicher auch auf das Niveau dieser Emotionen an. Ein Fan, der reflektiert, ist ja auch nicht weniger Fan.
Jedes Extrem hat seine Schattenseiten. Und der Realitätsverlust bei einigen Anhängern ist schon extrem, weil man das Ausblenden heutiger Realitäten gerne zum Dogma erklärt und frühere Zeiten nahezu zwanghaft glorifiziert. Das mag teilweise zu Recht geschehen, sicher ist aber: Vieles im Fußball ist früher nicht besser oder anders gewesen.
Natürlich gehören auch manche Dinge schlicht dazu - ich schimpfe ja auch gerne wie ein Rohrspatz, wenngleich nicht aus Prinzip.
Fußball dient ja auch als Ventil.

@all: ich freue mich über die positiven Reaktionen - vielen Dank für Eure Kommentare.

anonymus hat gesagt…

"Wer sich die Worte "Stolz", "Ehre" und "Treue" auf die Fahne schreibt und andere daran misst, der sollte reflektiert bleiben und diesen moralischen Maßstab zunächst bei sich selbst anlegen."
So hat ja auch Manuel Neuer kein Problem mit den Reaktionen der Fans, weiss er doch das er genauso gehandelt hätte als Fan.
Fragwürdig sind bayrische Gutmenschen/ Erfolgsfans welche sich über den Schalker Pöbel echauffieren. Warum? Neuer wird kein Schaden davontragen, der FC Bayern nicht, nur der kleine selbstgerechte Eiferer kann ewiglange Blogeinträge schreiben. Vielleiht sollte er stattdessen mal kurz rumpöbeln. Meistens hilfts.

chicken hat gesagt…

Ganz kurz zu "anonymus" - bevor Du antwortest, denk mal drüber nach, so 15 Minuten ...

Unabhängig davon welcher Verein Dein Herz erwärmt, stell Dir vor, er biegt (durch geschicktes Wirtschaften, Engagement und harte, kontinuierliche, ehrliche und clevere Arbeit) auf die Zielgerade des Erfolges ein, nutzt die Gunst der Stunde und häuft Titel um Titel an, weil sich durch oben genannte ehrenhafte Eigenschaften schlussendlich das auszahlt, was verdient ausgezahlt zu werden - schwindet Deine Hingabe und -wendung zum Verein, weil er plötzlich (zu) erfolgreich ist und Du Dich als "Erfolgsfan" selbst nicht mehr leiden magst und Dich lieber einem anderen Verein zuwendest, der auf lange Sicht keinen Erfolg haben wird oder schwillt Dein Herz vor Freude und das Fansein macht Dir noch mehr Spaß und beginnst Du die neidvollen, ewig gleichen Statements zu hassen, die Dir als Fan nun auch täglich unreflektiert zu Teil werden von denen, die nicht so erfolgreiche Verien unterstützen???
Ich vermute mal, einfach so ins Blaue, Du würdest Deinem Verein treu bleiben und Dich über jeden Erfolg freuen und allen anderen sagen, wer am Ende oben ist, der hat es auch verdient ... gell ;-)

Lieben Gruß von einem "Gutmensch und Erfolgsfan", der es sich herausnimmt sich am momentanen bayrischen Spiel einfach nur zu erfreuen.

PS: Ich persönlich übrigens ziehe unpöbelhaftes Verhalten ebenfalls vor.

Ansonsten gilt, sehr gut durchdachte und formulierte Ansicht zum Thema. Chapeau.

Stephan hat gesagt…

Hier werden wieder mal Äpfel mit Birnen verglichen. Raul in Rumänien...Tststs.
Ein Verein der in den letzten Jahren drei große TW-Talente verheizt hat, kann natürlich nicht verstehen wie es ist ein Eigengewächs zu verlieren... Kuranyi, Pander usw. werden auf jeden Fall mit Applaus begrüßt - fragt euch mal warum und viel Spass mit eurem neuen TW-ANGESTELLTEN, denn mehr ist er nicht.