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Dienstag, 16. August 2011

Neue Männer braucht das Land?

Ina Deter, oder? Fand ich ganz schlimm - das Lied, wie auch die Frau. Doch jetzt hat Fußballkingtitaniumikone Kahn eine Diskussion angestoßen, die ich durchaus legitim und interessant finde: Fehlen dem deutschen Fußball die Charaktertypen? 

[...] Es drängt sich aber noch ein weiterer Gedanke auf: Hängt die Titelflaute nicht vielleicht mit einer Spielergeneration zusammen, deren Stellvertreter Philipp Lahm und Bastian Schweinsteiger vehement leugnen, dass eine Mannschaft heutzutage echte Führungsspieler braucht? Führungsspieler, die den Finger in die Wunde legen, die auch mal unbequeme Wahrheiten aussprechen, denen ihr eigenes Image unwichtiger ist als der Erfolg, die bereit sind Mitspieler anzutreiben und die permanent die maximale Erfolgsbereitschaft einfordern? [...]*


Ganz klar, Olli Kahn zählte in seiner aktiven Zeit zu eben jenen Typen, deren Absenz er hier als Grund für fehlende europäische Titel deutscher Mannschaften ausgemacht hat.
[...] Spieler wie Ferdinand, Puyol, Xavi, Terry, Lampard, Lucio sind genau die Spieler, die diese Qualitäten besitzen und die in der heutigen Zeit genauso wichtig sind wie sie es früher waren. Sie sind die Leuchttürme, die Vorbilder an denen sich die jungen Spieler aufrichten und entwickeln können und die nicht abtauchen, wenn es mal nicht optimal läuft. [...]*
 *(Oliver Kahn bei Yahoo! Eurosport) 


Kahn war der erste "Leuchtturm", den man unter Klinsmann/Löw ins Abseits gestellt hat. Als Bundestrainer folgte Jogi Löw dann dieser Politik und schob so nach und nach all jene ab, die als "Typen" galten und sich trauten auch mal Kritik ohne vorherige Absprache mit Oliver Bierhoff in die Mikros zu bellen. Prominenteste Vertreter dieser Zunft waren hier wohl Torsten Frings und Michael Ballack. 
Mit Lahm oder Schweinsteiger hat Löw keine Spieler im Team, die Gefahr laufen mal auszuscheren - sein Kaptitän Philipp Lahm kommt eher wie ein Pressesprecher des DFB daher. Dies ist im Übrigen gar nicht verwerflich, so lange das Konzept erfolgreich ist. 
Über Erfolg kann man nun auch bei der Nationalmannschaft trefflich streiten. Ein zweiter oder auch dritter Platz bei den letzten Turnieren galt als Erfolg, da sich der deutsche Fußball im Kleide des Nationalteams neu erfunden hat. Attraktiver, fulminanter Power-Fußball, kombinationsstark und einfach nur schön anzusehen - und das auch noch von den ehemaligen Holzfußballern aus Deutschland! Auch heuer läuft der "Schland"-Tross zuverlässig wie ein Käfer-Motor, man ist so gut wie qualifiziert für die EM 2012 - ohne eine einzige Niederlage. Doch irgendwann - und da hat Kahn recht - müssen Titel her. Dies gilt für die Vereine ebenso wie für das DFB-Team.

Natürlich ist Kahns These schwer zu widerlegen, sie ist aber ebenso wenig schlüssig. Beim WM-Aus 2006 stand ein Michael Ballack im Team. Einer wie Ballack galt als Lautsprecher und Leader. Bayern München gewann trotz diverser "Typen" im Kader nur ein Mal die Champions League innerhalb der letzten 12 Jahre. Auch mit Mark van Bommel, dem aggressive Leader par excellence, verloren die Bayern das Finale der Champions League 2010. Nicht zu vergessen ist das verlorene Endspiel 1999 gegen Manchester United mit Effenberg, Matthäus, Jeremies und Basler auf dem Platz. 
Ich komme aber auch nicht umhin, dass ich hier den einzigen Schwachpunkt des DFB-Teams im Hinblick auf die nächsten zwei großen Turniere sehe - wer reißt das Team mit, wenns eng wird oder man einem Rückstand hinterherläuft? Wer setzt die Akzente, wenn es gilt auch mal schmutzig dagegenzuhalten?
Auf Vereinsebene klafft zwischen den Leistungen in der Liga und denen im europäischen Wettbewerb immer noch eine große Lücke. Schalke landete zwar in der letzten Saison im Halbfinale der Champions League, aber vermutlich wissen sie selbst nicht so genau, wie sie das hinbekommen haben. Echte Titelaspiranten schickt die Bundesliga nicht ins Rennen - mit ein bisschen good will kann man höchstens die Bayern nennen. Liegt es an der technischen Überlegenheit der spanischen Klubs? Liegt es am Geld, dass die englischen Vereine im Vergleich besser dastehen? Fehlen uns in der Liga ein zweites oder gar drittes Bayern München? Oder ist die Wahrheit tatsächlich so simpel, dass es letztlich die Ballacks, Frings' oder Effenbergs sind, die keine Nachfolger finden? 

10 Kommentare:

Andi hat gesagt…

Ich bin geteilter Meinung. Einerseits denke ich, braucht es beim FC Bayern wirklich genannte Leader-Typen. Wenn ein Spiel schlecht läuft, gehen Schweinsteiger und Lahm eher sang- und klanglos mit unter, als dass von ihnen ein spürbares Zusammenraufen ausgeht. Andererseits hat Kahn mehr als die Hälfte dieser nun zehnjährigen Titelflaute selbst mitgeprägt.

Interessant finde ich auch, dass er einen Mark van Bommel gar nicht erwähnt. Der war exakt einer dieser Spieler, die Kahn in seinem Artikel fordert, den der FC Bayern bis vor einem halben Jahr noch in seinen Reihen hatte. Es ist von daher ein Unding, die neue Generation Mannschaftsführer, also Lahm und Schweinsteiger für die ausbleibenden Erfolge verantwortlich zu machen. Sie sind erst seit kurzer Zeit verantwortlich. Und bei der angestrebten flachen Hierarchie nicht einmal allein. Da gehören dann alle mit zu, alle müssen sich hervortun, die Mannschaft anfeuern und bis zum Schluss alles geben. Das fehlt mir auch hier und da, da muss ich Kahn zustimmen.

Dass er aber bis auf Rio Ferdinand ausgerechnet englische Spieler, die bei Chelsea unter Vertrag stehen, anführt, macht wenig Sinn. Weder Chelsea hat international etwas gewonnen, noch die englische Nationalmannschaft. Ganz im Gegenteil, da hat man sich zum Teil eher der Lächerlichkeit preisgegeben. Wenn Kahn schon derart in die Offensive geht, sollte seine Argumentation lückenloser sein.

Zechbauer hat gesagt…

Ja, das mit den englischen Teams hat ich auch gewundert. Wie gesagt, seine Argumentation hinkt an mehreren Stellen. Aber die Young Boys Deutschland können es ja schon im nächsten Jahr in Polen/der Ukraine unter Beweis stellen.
Was die CL angeht, sehe ich Bayern auch diesmal nicht im Finale - leider.

Racer hat gesagt…

Kurz zu Ballack: Der war NIE ein Leader des Typus Oliver Kahn. Ich hab diese damals leidige Diskussion immer noch im Kopf, wie sich die Sportjournaille darüber empört hat, dass er es sowohl beim FCB als auch in der Nationalmannschaft nie geschafft hat, die "nötige" Präsenz auf den Platz zu bringen.

Ich glaube auch, dass die momentane Performance der deutschen Nationalmannschaft alles andere als diskussionswürdig ist. Titel hin oder Titel her. "Wir" haben in meinen Augen einfach nur das Pech, dass unsere schön spielende Elf, zeitgleich mit der besten Mannschaft aller Zeiten im Äther schwimmt. Gegen den FC Barcelona/Spanische Nationalmannschaft reicht nicht mal ein guter Tag. Da brauchst du einfach einen schlechten Tag der Anderen.

Es ist auch die Frage, ob Titel immer so wichtig sind. In meinen Augen ist der attraktive Stil der deutschen Nationalmannschaft, die sie in Spielen in denen es um etwas geht mit großer Häufigkeit an den Tag legen, Erfolg genug. In Verbindung mit der Steigerung der Attraktivität der Marke "Deutsche Nationalmannschaft" und auch "Bundesliga", die durch diesen Stil einhergeht, könnte "am Ende des Tages" auch der monetäre Verlust der durch das Nicht-Titelgewinnen entsteht, kompensiert werden. Und so lange sie Zweiter oder Dritter werden, kann man sich genau so viele Spiele anschauen, wie vom Ersten. Und irgendwann reichts dann vielleicht ja mal doch.

Lange Rede, kurzer Sinn: Wenn wir erstmal, den Spirit der Nationalmannschaft nach München bringen könnten, würde mir das auch erstmal reichen. Aber da scheint eine erhebliche Barriere zu liegen (Klose-Phänomen). Darüber (!) sollte man sich mal Gedanken machen.

Abschließend möchte ich noch erwähnen, dass der neue Leader bereits zwischen den Pfosten steht. Ich bin überzeugt davon, dass sobald sich der Manuel in München eingelebt und uns eventuell reihenweise den Arsch gerettet hat, dieser sowohl beim FCB als auch in der Nationalmannschaft zum Kapitän wird. Trotz oder gerade wegen dem Nutella-Boy-Image.

Andi hat gesagt…

Ich lasse mich überraschen. Im Moment kann ich die Mannschaft überhaupt nicht einschätzen. Bekannt ist, dass es urplötzlich zum großen Knotenplatzen kommen kann, wie in der van Gaal-Zeit beim Juve-Spiel. Auf der anderen Seite wirken die Bayern so mächtig uninspiriert, das ist schon beängstigend, hast Du ja in einem vorigen Artikel auch schon erwähnt. Aber auch da finde ich ein kleines Aber: Die Stammelf hat (mit Gustavo) vier neue Spieler(, die noch nicht unter Heynckes gearbeitet haben). Bis da alles wie am Schnürchen läuft, muss wahrscheinlich ein bisschen Zeit vergehen. Jetzt schon vom Finale zu reden wirkt ohnehin immer arg vermessen, da kann ich den Verein überhaupt nicht verstehen.

T0bstar hat gesagt…

Das wirklich Seltsame an der Diskussion sind in der Tat die Namen, die Kahn als "positives Beispiel" nennt. Weder Xavi noch Puyol, Lucio oder Ferdinand sind mir je als der klassische Leader aufgefallen, oder habe ich da etwas verpasst? Und die anderen drei nahmen haben, wie es bereits richtig erwähnt wurde, in den letzten zehn Jahren nicht mehr Titel gewonnen als deutsche Mannschaften.
Man sollte die Frage, die Kahn aufwirft, eher anders beantworten: Wieso sollte die Nationalmannschaft Titel einfahren können, wenn die Vereine, in denen sie spielen, international nur zweitklassig sind? Oder anders gefragt: Ist es nicht eine großartige Leistung Löws, dass die Nationalmannschaft mehr erreicht als die Klubmannschaften?

panaManga hat gesagt…

Genau deswegen lese und höre ich keine Interviews von Kahn. Wenn es von ihm heißt "Kritik an Schweinsteiger und Lahm", dann ist das immer die alte Leier, sie seien keine Führungsspieler/Typen/Charaktere.

Marcel hat gesagt…

Kahn soll sich aus der Fussballwelt zurückziehen...allein schon seine Kommentare bei der Fussball WM waren mal wirklich schlecht...

Zechbauer hat gesagt…

Ob man nun Kahn liest oder zuhört ist gar nicht relevant - der Diskussionsansatz ist ja nicht uninteressant.
Ich finde auch, dass Kahns Beispiele wie Rio Ferdinand oder Puyol im Kontext hinken. Vielleicht meint er gar keine "Kapitäne" oder Führungsspieler, sondern nur harte Hunde. Seine Statistik im Hinblick auf gewonnene Europacup-Titel sagt jedenfalls nichts aus, denn Barca wird auch nicht von einem charismatischen "Leuchtturm" geführt, sondern funktioniert als Kollektiv perfekt. Und dieses Team hat die meisten CL-Titel in den letzten 10 Jahren gewonnen.

Anonym hat gesagt…

Bin geneigt, Kahn recht zu geben.

Wichtiger Punkt: Löw kann mit "Alphatieren" nicht umgehen. Matthäus oder Sammer würden bei Löw nicht spielen oder rausgemobbt wie Ballack. Die Titel von '90 und '96 wären unter Löw daher wohl ausgefallen.

Löw bevorzugt offenbar softe Musterschwiegersöhnchen wie Lahm, Podolski, Khedira, Friedrich - gern auch unter Hintanstellung des Leistungsprinzips. Ob das für einen Titelgewinn reicht, ist verdammt fraglich.

Anonym hat gesagt…

Ich finde den Ansatz überhaupt nicht interessant, sondern langweilig, abgekaut und schon tausendmal durchgenudelt.