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Dienstag, 12. April 2011

Zahlenspielerei

(dpad) Wie die "Neue Osnabrücker Zeitung" berichtet, hat die Polizei in der abgelaufenen Spielzeit 6.043 Strafverfahren gegen Fans der 36 Profiklubs eingeleitet, was einen neuen Höchststand bedeutet. Das geht aus dem bisher unveröffentlichten Jahresbericht der Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze (ZIS) hervor, der dem Blatt vorliegt.

In etwa jedem vierten Fall ging es um Körperverletzung, auch Verfahren wegen Sachbeschädigung, Landfriedensbruchs oder Widerstands gegen die Polizei waren häufig. Die Zahl der Verletzten im Zusammenhang mit Spielen beider Bundesligen stieg mit 784 in der Spielzeit 2009/2010 auf den höchsten Stand seit zwölf Jahren. In der Saison zuvor waren es noch 579 Verletzte gewesen.

Nach Angaben der Polizeibehörden sei der Kreis der "gewaltbereiten, gewaltgeneigten oder gewaltsuchenden Fans" in den beiden Bundesligen ebenfalls deutlich größer geworden. Die Polizei gehe nach den aktuellsten Zahlen von 8.765 sogenannten "Störern" aus, 855 mehr als in der Spielzeit zuvor.

Die Einsatzzeiten der Polizei bei den Spielen beider Bundesligen sind in der abgelaufenen Saison ebenfalls auf den höchsten Wert seit zwölf Jahren gestiegen. 1,76 Millionen Arbeitsstunden bedeuteten ein Plus von rund 15 Prozent. Damit waren rechnerisch 1.354 Polizisten von Bund und Ländern ausschließlich für Fußballspiele eingesetzt. Für den Steuerzahler ist das ein teures Vergnügen: Nach Berechnungen der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG) kostete die Sicherheit des Spitzenfußballs in der Saison 2009/2010 erstmals mehr als 100 Millionen Euro.

Bei solchen Zahlenspielen ist immer Vorsicht geboten - ein Viertel von sechtausend Strafverfahren sind eintausendfünfhundert Strafverfahren, bei denen es um Körperverletzung ging. Das könnte man schon bei einem hitzigen Derby zusammenbekommen. Allerdings sagt das noch nichts darüber aus, ob diese Strafverfahren letztendlich auch gerechtfertigt waren. Gemessen an der Anzahl der Spiele, die 36 Profiklubs in einer Spielzeit zusammen bekommen, empfinde ich diese Größenordnung dennoch als "hoch". Auch halte ich nahezu 800 Verletzte im Rahmen einer Saison für erschreckend viel, selbst wenn es sich letztlich gemessen an den Zuschauerzahlen um einen winzigen Teil handelt. Fragt sich allerdings auch, wer hat denn diese Leute verletzt? Knapp neuntausend "Störer" wiederum, ist doch eine recht beschauliche Anzahl bei 36 Profi-Vereinen und dem recht hohen Zuschauerschnitt in der Bundesliga.

Was die Kosten von 100 Millionen Euro für Sicherheitsmaßnahmen der Polizei angeht, ist diese Zahl in keinem Verhältnis eingeordnet - und somit schlecht zu beurteilen. Wie viel verdienen die betroffenen Kommunen mit dem Profi-Fußball über ein Spieljahr? Sind die Einnahmen der Städte nicht sogar deutlich höher als die Kosten? Und profitiert nicht auch der Steuerzahler von solchen Einnahmen?

Dass letztlich eine deutliche Steigerung von Gewaltdelikten stattgefunden hat - unabhängig davon, wie viele es letztlich sind - ist sicher ein Alarmzeichen. Ansonsten ist das reine Zahlenspielerei.


15 Kommentare:

Stadtneurotiker hat gesagt…

Die Einnahmen der Kommunen durch Fußballspiele dürften wohl im Verhältnis geringer sein als die der veranstaltenden Fußballvereine.
Und: Wie groß ist der Anteil der Vereine an den Kosten der Polizeieinsätze?

Zechbauer hat gesagt…

Was hat das jetzt mit den Kosten bzw. positiven Effekten des Steuerzahlers zu tun?
Natürlich verdienen die Vereine mehr - und ich bin auch der Ansicht, dass die Klubs sich an den Kosten für Polizeieinsätze beteiligen sollten.

Tinneff hat gesagt…

Warum sollten Sie die Vereine an den Kosten beteiligen? Beteiligt sich der Veranstalter einer Kirmes, eines Volksfestes oder einer Demo an den Kosten? Oder der Betreiber einer Diskothek?
Wird demnächst jeder Polizeieinsatz dem "Schuldigen" die Rechnung zugeschickt? Ganz ehrlich, dass ist Hahnebüchen.

Wenn die Vereine bezahlen, dann sollten sie auch bestimmen dürfen, in welcher Form und Mannzahl die Polizei anzureisen hat. Niemand braucht soviele Polizisten beim Fußball, wie die Polizei schickt.

Darüber hinaus besuchten im letzten Jahr über 17.000.000 Menschen ein Spiel der ersten und zweiten Liga. Macht grob eine Straftat pro 2915 Besucher. Dagegen sind Diskotheken und Kneipen ja fast ein Hochsicherheitstrakte *räusper*

Zechbauer hat gesagt…

@tinneff: Auf welchen Volksfesten oder in welchen Diskotheken verkehrst Du, wo soviel Polizei anwesend ist?
Ich finde eine Straftat auf 2900 Besucher jetzt nicht so wenig.

Tinneff hat gesagt…

Ich sag ja, dass beim Fußball viel zu viel Polizei ist. Die meisten von denen sitzen rum und langweilen sich. Es ist völlig überzogen. Im Endeffekt gibt es ein paar Spiele pro Jahr, wo man wirklich einiges an Polizei braucht, aber in dortmund braucht man keine 600 Polizisten beim Spiel gegen Hoffenheim, Wolfsburg oder Mainz.

Zum Thema Disko: Damit wollte ich andeuten, dass in jeder Dorfdisko oder einem Schützenfest mehr Straftaten stattfinden als im Fußball pro Besucher. Angenommen, es gibt 5 Straftaten im Rahmen eines 3-tätigen Schützenfestes irgendwo auf dem Dorf. Dann müssten im Umkehrschluss 14575 Besucher da gewesen sein. Das haut niemals im Leben hin.

Aus geht aus der Statistik ja nicht hervor, ob es wirklich Straftaten waren, sondern das nur entsprechende Verfahren eingeleitet worden sind. Nimmt man mal die Demonstration gegen S21 zu Rate, dann gabe es dort gegen 121 Demonstranten(und 18 Staatsdiener) eine Strafanzeigen. Dann müssten im Umkehrschluss, wenn auf eine Strafanzeige 2915 Demonstranten kommen, 352.715 Leute dagewesen sein.

Hier von ausartender Gewalt beim Fußball zu sprechen ist schlicht und ergreifend eine Panikmache meines Lieblings Rainer Wendt.

Und was ich immer noch nicht verstehe: Warum sollen die Vereine die Polizeieinsätze gesondert bezahlen? Nur weil die Staatsmacht hier viele Überstunden machen muss?

Zechbauer hat gesagt…

Na weil die Vereine davon am meisten profitieren. Andererseits stellt sich doch die Frage, warum dem nicht-Fußballinteressierten Steuerzahler diese Kosten vollumfänglich aufgebürdet werden sollten? Eine Beteiligung der Profiteure finde ich angemessen.

Tinneff hat gesagt…

Warum muss ich als nicht-motorradinteressierter die Kosten für die Einsätze gegen Hells Angels oder Bandidos bezahlen? Warum muss ich als nicht-volksfestinteressierter die Kosten für die Sicherung z.B. des Oktoberfestes oder der Cannstatter Wasn begleichen? Oder wenn es um Häuserräumungen oder Demos geht.

Für die Sicherheit ist der Staat verantwortlich, finanziert durch Steuergelder. Und hier sollte gleiches Recht für alle gelten. Entweder der Veranstalter zahlt für den Polizeieinsatz oder nicht. Aber so wischi-waschi geht gar nicht.

Zechbauer hat gesagt…

Das ist natürlich seltsam argumentiert... die Hells Angels würde ich mal als nah dran an einer kriminellen Vereinigung bezeichnen - hier kann es ja nur um polizeiliche Ermittlungen gehen, hat ergo nichts mit einer Veranstaltung zu tun. Ein Volksfest wie in Cannstadt oder München findet einmal im Jahr statt - Fußballspiele fast jedes zweite Wochenende. Zudem profitieren die Städte von solchen Volksfesten (auch die Bürger dieser Städte). Ich befürchte fast, wir verlaufen uns jetzt hier in Beispielen und Gegenbeispielen - aber für mich ist das nicht dasselbe. Die Masse der Einnahmen generiert nun einmal der Klub.

Tinneff hat gesagt…

Richtig, der Klub generiert große Einnahmen. Dafür bezahlt er Steuern. Er schafft Arbeitsplätze, er ist wie Volksfeste gut für die Stadt und für die Leute. Die Sicherung dieser Veranstaltung IM Stadion wird in der Regel durch den Ordnungsdienst gemacht. Den bezahlt der Verein.

Nur die Sicherung vorm Stadion oder an den Bahnhöfen, dass ist Sache der Polizei. Wir bewegen uns dann im öffentlichen Raum und da kann ich nicht hingehen und sagen: Ihr müsst als Vereine für die Sicherrung bezahlen, während alle anderen Einsätze der Polizei durch den Steuerzahler gezahlt werden.

Das Problem der Gewalt ist keines der Vereine, sondern eines der Gesellschaft. Wenn sich die Leute in der Diskothek vermöbeln und die Polizei hin muss diskutiert man auch nicht darüber, ob der Inhaber der Diskothek dafür aufkommen muss, nur weil er vielleicht dieses Klientel anzieht.

Glaubt man einer Studie von McKinsey, haben die Vereine in der Saison 2007/2008 1,7 Milliarden Euro in die öffentlichen Kassen gespült, dem gegenüber stehen Leistungen des Staates in Höhe von knapp 200 Millionen Euro. Ich sehe daher überhaupt keinen Anlass, die Verein noch weiter zur Kasse zu bitten.

Tinneff hat gesagt…
Der Kommentar wurde von einem Blog-Administrator entfernt.
Zechbauer hat gesagt…

man muss Dich nur kitzeln, dann wird die Argumentation schon besser. ;)
Allerdings sichert die Polizei auch im Stadion - und bei den tränigen Ordnungsdiensten ist das zwingend notwendig.

Tinneffs hat gesagt…

Das ist natürlich völlig richtig. Die Ordnungsdienste sind meist schlecht oder gar nicht ausgebildet.

Aber auch frage ich mich wieder: Müssen wirklich bei einem 0815 Ligaspiel so viele Polizisten im Stadion sein? Nimmt man die Derbys in Dortmund gegen S04 herraus kann ich mich seit 2001 nur ein Heimspiel erinnern, wo die Polizei mal nicht 90 Minuten sinnlos auf der Osttribüne dem Spiel folgen Konto(Proteste gegen BvM im Dezember 2006).

Zechbauer hat gesagt…

Tja, das kann ich nicht beurteilen. Bei Risiko-Spielen ist sicher Prävention besser als nachher dumm gucken. Aber bei den meisten Spielen steht der personelle Aufwand sicher nicht im richtigen Verhältnis.

Zechbauer hat gesagt…

Ratingen vs KFC Krefeld - Spiel der 6-ten Liga (!) am vergangenen Wochenende: 14 Verletzte, drei davon schwer. Eingesetzte Beamte rund ein Dutzend - erst nachdem mehr als 80 Beamte als Verstärkung eingetroffen waren, konnten die Krawalle, die rund 2 Stunden dauerten, beendet werden. Noch Fragen?

Tinneff hat gesagt…

Das sind eben die Auswirkungen, wenn man das Problem der Gewalt in der Gesellschaft nicht wirklich angeht. Solange man an den Symptomen und nicht den Ursachen rumdoktort, wird es das immer geben. Sieht man ja auch immer wieder, wenn es bei Spielen in Bezirksligen rund geht.

In England haben sie das Problem der Hooligans auch nur von der Premier League in die tieferen Ligen bzw. andere "Szenen" verschoben. Stichwort: Gewalt auf der Straße, in den Vororten.