Meine Liebe zum FC Bayern geht jetzt ins vierunddreißigste Jahr - viereinhalb Jahrzehnte Freude, Leid, Tragik und Triumphe. Ich habe die Wut und den Hass anderer Menschen auf meinen Lieblingsverein abbekommen, jede Menge Unverständnis geerntet, aber ich habe auch großartige Gleichgesinnte kennengelernt und erfreue mich daran, dass es weltweit verstreut Menschen gibt, die an mich denken sobald ihnen etwas über den FC Bayern zu Ohren kommt.
Ich selbst sehe mich als Teil des Ganzen, stand ich doch über Jahrzehnte mit in diesem Pulk aus rot-weiß gekleideten Irren, die tagelange Busfahrten in Kauf nahmen, für einen neunzigminütigen Auftritt ihres Teams in feindlicher Umgebung. Kein Weg war zu weit, keine Eintrittskarte zu teuer. Ich bin nun in einem Alter, in dem Fußball nicht mehr das Wichtigste ist. Auch bequemer bin ich geworden und ziehe meist den komfortablen Wohnzimmer-Sitzplatz dem Stadionbesuch vor (und gehe nächste Saison nur zu einem Dutzend Spiele in diversen Stadien) - nichtsdestotrotz ist meine Liebe und Leidenschaft für diesen Klub heute so stark und intensiv wie in all den Jahren, in denen ich mit einer Aufnäher übersäten Kutte, einer Bomberjacke, rot-weißem Schal oder im Trikot meinen Verein unterstützt habe. Mitglied des FC Bayern bin ich nunmehr seit fast 24 Jahren - und so verstehe ich meine Rolle: Teil des Vereins zu sein. Ich bin die Nummer 12.
Ich maße mir an, diesen Klub kritisch zu hinterfragen - sei es in personellen Entscheidungen oder in seiner Außendarstellung. Auch die Strategie, sportlich wie wirtschaftlich, kann mir nicht egal sein - beeinflussen kann ich sie nur im Rahmen meiner mir als Mitglied zugestandenen Rechte. Mit diesen Rechten gehen auch Pflichten einher, denn ich vertrete mit meinem Verhalten auch öffentlich den Verein. Allerdings ist mir bewusst, dass ich weder ein ausgebildeter Trainer, ein praktizierender Fußballprofi, noch ein Sport- oder Unternehmensmanager bin - zudem fehlt mir in vielen Dingen der direkte Einblick in das Vereinsgeschehen oder in rechtliche wie politische Rahmenbedingungen in diesem Kontext. In vielerlei Hinsicht kann ich also entweder nur meinem Instinkt folgen oder mir eine erste, unreflektierte Meinung bilden. Natürlich habe ich auch das Recht auf Protest, schließlich leben wir in einem Land in dem Freie Meinungsäußerung gelten sollte.
Das Dilemma, welches wir am Samstag in der Arena beobachten mussten ist, wann ist Protest gerechtfertigt und in welcher Form ist er adäquat? - und vor allem: welche Motive stehen hinter diesen "Fan"-Protesten?
Ich selbst bin Fördermitglied des "Club Nr. 12", da ich die Arbeit und die logistische Leistung hinsichtlich der Stadionchoreographien und Reiseorganisation unterstützen wollte. Der Offene Brief des Club Nr. 12 an Uli Hoeneß im Hinblick auf die Unterstützung des TSV 1860 München bei dessen drohender Insolvenz , ist ohne mein Wissen (und vermutlich nicht nur ohne meines) veröffentlicht worden. Eine Mitgliederabstimmung hinsichtlich der Veröffentlichung des Offenen Briefes vom 28. März kann somit nicht stattgefunden haben. Hier geschieht also etwas auch in meinem Namen, ohne das ich dazu mein Einverständnis gegeben habe. Dies mag aus nachvollziehbaren Gründen geschehen sein - ohne großen Bürokratismus zu bemühen, ist aber letztlich doch auch nichts anderes, als das was man dem FC Bayern von dieser Seite vorwirft. Nicht jede vereinspolitische Entscheidung kann zuvor durch die Mitglieder durchgewunken oder diskutiert werden.
In der Thematik selbst bin ich zwiegespalten, einerseits darf die finanzielle Hilfe für den Stadtrivalen nicht ins Endlose münden, andererseits ist der Verlust für die Stadt und den Fußball dieser Stadt es sicher wert, eine Insolvenz zu vereiteln. Unterm Strich gibt es aber sicher dramatischere Entscheidungen als diese, von daher kann ich mich über die Vehemenz des Protests nur wundern.
Schon die Proteste gegen eine Verpflichtung von Manuel Neuer waren in ihrer Beschaffenheit für meinen Geschmack etwas zu emotional. Ich halte es außerdem für unschön, wenn dem Nationaltorhüter unseres Landes so viel Feindlichkeit in einem deutschen Stadion begegnet. Nicht jeder Transfer findet meine Zustimmung, aber das ist auch nicht meine Baustelle - dafür trägt die Vereinsführung in Kombination mit dem jeweiligen Trainer die Verantwortung. Wohin führt es einen Fußballverein, wenn er demnächst jede Personalie mit den Fans diskutieren müsste?
Natürlich ist mir nicht verborgen geblieben, warum "Koan Neuer" so hitzig gefordert wurde. Damit ist aber auch klar, von wem dieser Protest ins Leben gerufen wurde. Somit stellt sich nicht automatisch die Mehrheit der Bayern-Anhänger gegen Neuer, auch wenn die Münchner Ultra-Szene es gerne so verkauft. Die Fans des FC Bayern sind mehr als nur die "Schickeria" oder der "Club Nr. 12". Die Mehrheit der Bayern-Fans wird nicht bestimmt durch die Südkurve oder große Teile von ihr. Und ich bezweifle arg, dass man sich die Mühe gemacht hat und die Bayern-Fanclubs um Zustimmung zu dieser Anti-Neuer-Aktion gebeten hat. In die Medien hat man es allerdings geschafft, als "die Bayern-Fans". Aber es sind eben auch diese Medien, von denen man sich jetzt nach den Protesten von Samstag verunglimpft fühlt.
Für meinen Geschmack ist das alles ein bisschen zuviel Einmischung in die Vereinspolitik von einer überschaubar kleinen Gruppe - zumindest gemessen an der Masse aller Bayern-Fans (und davon gibt es auch außerhalb des Stadions eine Menge). Die Art und Weise wie der eigenen Präsident und der Macher des Klubs, Uli Hoeneß, am Samstag betitelt und verunglimpft wurde, ist unwürdig und schlicht vereinsschädigend. Man hat hier nicht die Vereinsfarben geändert oder den Klub an US-amerikanische Investoren verkauft, warum also dieser Aufschrei?
Die Antwort ist so einfach wie beängstigend: hier findet ein Machtkampf statt. Die Ultra-Gruppierung, besteht sie nun aus Schickeria oder/und Teilen des Clubs Nr. 12, will ihren Einfluss und ihre Politik in die Vorstandsetage hieven. Doch Mitglieder des FC Bayern haben ein Stimmrecht - und sie dürfen auf der Jahreshauptversammlung das Wort ergreifen. Damit bewegen sie sich im Rahmen ihrer Rechte und Möglichkeiten. Alles was darüber hinaus geht, sehe ich durch die Themen "Neuer", "Sechzig" oder "Kartentausch für die Südkurve" nicht gerechtfertigt. Diese Form von Protest führt nur zu einem: Es beschädigt unseren Verein.

8 Kommentare:
Den öffentlich Brief vom Club Nr. 12 haben mehr als 120 Fanclubs unterschrieben...darunter wirklich nur aktive Fans...nur so als Info
Und das bedeutet was? Wie wäre es mal mit einem Gegenbrief, den die anderen 95% aller Fanclubs unterschreiben?
Und sind aktive Fans besser als passive? Uraltdiskussion, die eh zu keinem Ziel führt...
Ihr seid tatsächlich die Fans, die große Teile der Bayern-Fans nicht wollen!
Bevor die Frage nach einer Quelle zu dieser Behauptung auftaucht: Es gibt sie nicht. Ist nur eine subjektive Wahrnehmung beim Durchblättern der meisten Bayernblogs und durch Diskussionen mit anderen Bayernfans.
Schöner und treffender hätte ich es nicht schreiben können. Vielen Dank für den Artikel, der 99% der Bayernfans aus dem Herzen spricht. In vielen Zeilen erkenne ich mich selbst wieder. Vielen Dank!
@Anonym: Das sind nicht mal 5% aller registrierten Bayern-Fanclubs. Nur so als Info.
@Fritz: Ich mache keinen Unterschied zwischen aktiven und passiven Fans. Früher war ich das, heute bin ich eher das andere. So läufts im Leben.
Ansonsten tue ich mich mit Deinem Kommentar schwer, da etwas konfus. Ich lasse mich aber gerne auf ernstgemeinte Diskussionen ein.
Sorry, mein Post bezog sich auf "anonym", nicht auf deinen Text.
Dein Beitrag ist wie immer genau auf den Punkt gebracht.
@Fritz: Ah, sorry - hatte ich missverstanden.
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