Hin und wieder erwischt es mich auch - der scheinheilige Mantel der Political correctness wird mir unbemerkt übergestülpt. Und dann schäme ich mich, weil ich mich habe einlullen lassen und ebenfalls in die Falle getappt bin. Weil man ja dies und jenes nicht sagt, tut oder gutheißt, hat diese penetrante Form der Gleichmacherei gute Chancen in harmloser Verkleidung nach und nach alles zu reglementieren. Man will ja schließlich alles richtig machen - kein Arschloch sein - nicht im Gestern hocken bleiben. The trend is your friend. Doch im Stadion kann man den gesellschaftlichen Verhaltensnormen für ein kleines Zeitfenster entkommen. Man kann mal Dampf ablassen, sich ordentlich aufregen und mal ein bisschen unfair sein. Is doch nur Fußball. Pikierte Blicke, weil ich rauche - rauchen muss, wenn meine Bayern spielen - und ich bekomme ein schlechtes Gewissen - zumindest für einen Moment. Hey, verdammt - wir sitzen hier unter freiem Himmel, in einem Fußballstadion - ja, verflucht, dann rauche ich. Weil ich muss. Ich reg' mich auch nicht über den pupsenden Vordermann auf, den Bierdunst in meiner Nachbarschaft oder den Qualm einer Rauchbombe. Und dann schrei ich "Arschloch!", vor mir ein Junge von vielleicht zehn Jahren. Sagt man nicht, tut man nicht, schlechtes Vorbild für die Kleinen. Doch! Gehört dazu - ist Fußball. So habe ich es auch als Zehnjähriger erlebt und es hat mir nicht nachhaltig geschadet.
Der Fußballsport schien noch eine der letzten Bastionen ungezügelter Leidenschaft zu sein, bei der man fluchen, andere beschimpfen und sogar rauchen durfte. Darf man jetzt auch nicht mehr überall. Da lobe ich mir die Politik des Uli Hoeness, der angesprochen auf das nicht vorhandene Rauchverbot in der Münchner Arena entgegnet, dass es ja schon ausreichend Verbote in diesem Land gäbe und es nicht nötig sei, ein weiteres hinzuzufügen. Doch gerade der Fußball, die Oper des kleinen Mannes, muss den - ganz plakativ ausgedrückt - Mächtigen in seiner herkömmlichen Erscheinung ein Dorn im Auge sein. Hier gibt es eigene Regeln und traditionelle Verhaltensweisen, die abseits der gesellschaftlich geduldeten Spielregeln einen fast rebellischen Charakter haben - und das immer noch, aller Kommerzialisierung zum Trotz. Profifußball ist längst kein Proletariatsvergnügen mehr - heute werden in Logen und auf Tribünen Geschäftstreffen arrangiert. Das Ligaspiel als Rahmenprogramm und Bonbon für den, den es zu becircen gilt. Aber es gibt sie noch, die schimpfenden und tobenden Familienväter, die nervös gerauchten Glimmstengel in der Masse. Es gibt sie noch, die Wut, die sich Platz schaffen will - in einem Spiel, das von all dem Frust über Alltag, Normalität und Alltagssorgen ablenkt - gerade mal neunzig Minuten lang.
Der Fußballsport schien noch eine der letzten Bastionen ungezügelter Leidenschaft zu sein, bei der man fluchen, andere beschimpfen und sogar rauchen durfte. Darf man jetzt auch nicht mehr überall. Da lobe ich mir die Politik des Uli Hoeness, der angesprochen auf das nicht vorhandene Rauchverbot in der Münchner Arena entgegnet, dass es ja schon ausreichend Verbote in diesem Land gäbe und es nicht nötig sei, ein weiteres hinzuzufügen. Doch gerade der Fußball, die Oper des kleinen Mannes, muss den - ganz plakativ ausgedrückt - Mächtigen in seiner herkömmlichen Erscheinung ein Dorn im Auge sein. Hier gibt es eigene Regeln und traditionelle Verhaltensweisen, die abseits der gesellschaftlich geduldeten Spielregeln einen fast rebellischen Charakter haben - und das immer noch, aller Kommerzialisierung zum Trotz. Profifußball ist längst kein Proletariatsvergnügen mehr - heute werden in Logen und auf Tribünen Geschäftstreffen arrangiert. Das Ligaspiel als Rahmenprogramm und Bonbon für den, den es zu becircen gilt. Aber es gibt sie noch, die schimpfenden und tobenden Familienväter, die nervös gerauchten Glimmstengel in der Masse. Es gibt sie noch, die Wut, die sich Platz schaffen will - in einem Spiel, das von all dem Frust über Alltag, Normalität und Alltagssorgen ablenkt - gerade mal neunzig Minuten lang.
Als der Fußball hierzulande noch in den Kinderschuhen steckte, müssen es die da oben schon geahnt haben: diese Entwicklung ist gefährlich. Die gesellschaftliche Anerkennung dieses Sports ließ lange auf sich warten. Fußballspiele im Freien waren zunächst sogar verboten. Dabei war die Ausübung dieses Sports zunächst gar keine Angelegenheit der Arbeiterklasse, sondern wurde von Bürgerlichen betrieben. Seit dem hat sich viel getan. Aber auch heute ist Fußball ein Gleichmacher - hier bist Du für rot oder blau - für grün oder gelb - aber du bist nur Fan. Es zählt nicht, welches Auto du fährst, wo du wohnst und wie du dein Einkommen generierst. Hier bist du Einer unter Vielen.
Mittlerweile geht die Entwicklung hin zum Wochenend-Spaß für die ganze Familie - fast so langweilig wie beim American Football. Das kulinarische Angebot ist genauso vielfältig wie das Rahmenprogramm - als ob Fußball dem Zuschauer allein nicht reichen würde. Cheerleader und Gewinnspiele, Interviews von Prominenten oder Kindern oder beiden - übermalt von unerträglich lauten Lautsprecheranlagen, durch die ein Stadionsprecher plärrt, als wäre er auf Koks. Mit dem Stadionerlebnis so wie ich es noch aus Anfang der Achtziger Jahre kenne hat das nichts mehr zu tun. Natürlich gibt es mehr Komfortabilität, fast überall Sitzmöglichkeiten, Überdachung und moderne Sicherheitskonzepte - früher war nicht alles besser, aber ich kann mir nicht helfen - irgendwie wirkt heute alles etwas "künstlicher".
Das gilt auch für die Unterstützung von den Zuschauerrängen: Neunzigminütiger monotoner Singsang von den Tribünen lässt auch dem Fan wenig Raum für Kreativität und Spontaneität. Der ist zwar nicht verordnet, aber letztlich doch von einer Gruppe installiert und per Megaphon vorexerziert. Früher warst du stolz wie Bolle, wenn aufgrund deiner Initiative irgendwann die ganze Kurve grölte. Gibt's kaum mehr. Spruchbänder werden zensiert, Fahnenstangen abgemessen und auf ihre Beschaffenheit überprüft, Verunglimpfungen verbaler Art vom Verein missbilligt. Die "schwarze Sau" hat man den Fans auch schon genommen - Schiedsrichtertrikots sind heute leuchtendgelb, grellrosa, lichtblau oder fluoreszierend grün.
Früher war eine Toransage eine Toransage, kein fünfminütiger gebrüllter Psalm, den das Publikum dann einmütig hinterher betet. Eckstöße, Spielminuten, Freistöße und auch das Torschussverhältnis auf der Anzeigentafel wurde nicht ständig mit kindlichem Geklingel angekündigt, das vom eigentlichen Geschehen auf dem Platz ablenkt.
Hinzu kommen immer neue Regeln oder Regelverschärfungen im Spiel, damit der Fußball so sauber wie möglich wird. Härte wird kaum mehr geduldet. Dieses ständige Antatschen, Umarmen und Händereichen der Spieler wird als Fair Play umschrieben - das jedoch bleibt auf der Strecke, wenn es darum geht Freistöße zu erzwingen oder Elfmeter zu schinden. Verlogen? Ja.
Selbst der Jubel wirkt künstlich, weil einstudiert - man gewinnt den Eindruck, dass einige Profis mehr Zeit darauf verwenden, möglichst spektakuläre Jubelposen zu erfinden statt Schusstraining zu absolvieren.
Fußball ist ein Abbild der Gesellschaft - und dementsprechend unterliegt auch dieser Sport allen gesellschaftlichen Veränderungen. Doch das Interesse am Fußball fokussiert sich gestern wie heute auf das Geschehen auf dem Rasen und wird belebt durch die Unvorhersehbarkeit des Geschehens. Man muss diesen Sport nicht noch anreichern mit allen möglichen Gimmicks. Am Ende ist es doch nur der Fußball, um den es geht - und den gibt es übrigens auch in Stadien abseits des Profi-Zirkusses.
Früher war eine Toransage eine Toransage, kein fünfminütiger gebrüllter Psalm, den das Publikum dann einmütig hinterher betet. Eckstöße, Spielminuten, Freistöße und auch das Torschussverhältnis auf der Anzeigentafel wurde nicht ständig mit kindlichem Geklingel angekündigt, das vom eigentlichen Geschehen auf dem Platz ablenkt.
Hinzu kommen immer neue Regeln oder Regelverschärfungen im Spiel, damit der Fußball so sauber wie möglich wird. Härte wird kaum mehr geduldet. Dieses ständige Antatschen, Umarmen und Händereichen der Spieler wird als Fair Play umschrieben - das jedoch bleibt auf der Strecke, wenn es darum geht Freistöße zu erzwingen oder Elfmeter zu schinden. Verlogen? Ja.
Selbst der Jubel wirkt künstlich, weil einstudiert - man gewinnt den Eindruck, dass einige Profis mehr Zeit darauf verwenden, möglichst spektakuläre Jubelposen zu erfinden statt Schusstraining zu absolvieren.
Fußball ist ein Abbild der Gesellschaft - und dementsprechend unterliegt auch dieser Sport allen gesellschaftlichen Veränderungen. Doch das Interesse am Fußball fokussiert sich gestern wie heute auf das Geschehen auf dem Rasen und wird belebt durch die Unvorhersehbarkeit des Geschehens. Man muss diesen Sport nicht noch anreichern mit allen möglichen Gimmicks. Am Ende ist es doch nur der Fußball, um den es geht - und den gibt es übrigens auch in Stadien abseits des Profi-Zirkusses.

8 Kommentare:
Wenn neben mir ein Raucher sitzt und der Wind ungünstig steht, nützt mir der freie Himmel rein gar nichts.
So schlimm wie beim Basketball ist es zum Glück noch nicht. War letztens bei Alba Berlin - fürchterlich.
@Dentaku: Wenn vor Dir einer sitzt und furzt auch nicht. Oder Du gehst zum Basketball - da gibt es erst gar keinen freien Himmel.
Wenn ich pupe und mein Nebenmann bekommt das mit, ist mir das peinlich. Der Raucher denkt da anders, zumal von einer Gesundheitsgefährdung durch Furze hab ich aber noch nie etwas gehört. ;-)
Ich kann diese Art der Ablehnung von Kommerz verstehen, teile sie aber nicht. Mir ist das alles herzlich egal, um ehrlich zu sein. Ich würde Fußball auch dann noch schauen, wenn ich der einzige Zuschauer wäre, weil ich den Sport einfach abgöttisch liebe. Nicht das Event, den Stadiongang oder die "Gemeinschaft innerhalb der Fangruppen", sondern das reine Spiel, egal ob Kreisklasse oder Champions League. Solange weiterhin eine total unterlegene Mannschaft in der 91. Minute das unverdiente Siegtor schießen kann, werde ich Fußball schauen. Und lasse mir daran auch nicht den Spaß verderben. Punkt.
Na ja, ich rate Dir mal Spiele in unterklassigen Ligen (Regional- und Oberligen) zu besuchen. Da existiert der von Dir beschriebene Fußball der achtziger Jahre noch heute und zwar in absoluter Reinkultur. Da wird beim kalten Bierchen und ner knackigen Wurst ordentlicher Fußball gekickt, meistens geflucht und mitunter geraucht. Und es beschwert sich keine Sau. Mehr brauchste nicht.
@Dentaku: also die Raucherdiskussion wollte ich jetzt hier nicht eröffnen. Finde diese Gesundheitsgefährdungsdebatte etwas verlogen, da ja auch niemand der gebeutelten Nichtraucher sein Auto stehen lässt, was wiederum meine Gesundheit beeinträchtigt und zudem noch unser Klima ruiniert.
Was das andere angeht... naja, ich könnte da Geschichten erzählen.. ;)
@T0bstar: wir sind uns da schon einig.
@Bochumer: dummerweise (glücklicherweise) spielt mein Verein da nicht. Wobei Bayern II auf dem besten Wege ist.
Tja, meine ersten Stadionerlebnisse stammen aus den 70ern und mir geht es im Erleben der neuen Stadien, der veränderten Kultur und des neuen Klientel dort ähnlich wie dir, Zechbauer. Der Komfort ist deutlich größer als früher, aber verwechselbarer Dauersingsang, Discobeschallung durch die Stadionregie und überflüssige Einlasskontrollen, die eine Sicherheit vorgaukeln, die nicht zu erreichen ist, sind nicht meine Welt. Tobstar hat natürlich auch damit recht, dass der Fußball für uns immer noch im Vordergrund steht. Wobei - aber das ist ein anderes Thema - sich der moderne Fußball im Vergleich zu dem Fußball, der mich "süchtig" gemacht hat, verhält wie Boris Becker zu Björn Borg. :-) Die Empfehlung von Bochumer ist übrigens eine gute, es muss ja nicht unbedingt der eigene Verein.
Gruß vom Kid
PS: Ich bin Nichtraucher. Und mich stören im Freien weder Kettenraucher noch Dauerfurzer. :-)
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