Hans-Joachim Watzke hält seine Borussia (also die aus Dortmund) aus nachvollziehbaren Gründen für einen Traditionsverein - und Traditionsvereine sollten, so Watzke, bei der Verteilung der TV-Gelder stärker berücksichtigt werden. Die "weichen" Faktoren hierfür sollen Beliebtheit, Sympathie- und Markenwerte sein. Ein Blick ins Nachbarland, den Niederlanden, offenbart uns wie so etwas in der Realität umgesetzt wird. Marktforscher ermitteln Daten (Image, "Kunden"zufriedenheit, Stadiongröße und -auslastung etc.), welche dann als Grundlage für die Verteilung dienen. Watzke konkretisiert:
"Wie viele Sympathisanten hat ein Klub, wie viele Fans fahren zu Auswärtsspielen, was sagt die Gesellschaft für Konsumforschung? Diese Daten kann man in eine Matrix einfließen lassen und hinterher sagen, es gibt einen Verteilungsschlüssel: Fünfzig Prozent des Fernsehgeldes oberhalb des Sockelbetrages werden nach dem Erfolgsprinzip verteilt und fünfzig Prozent nach einer Regel, die auf weichen Faktoren beruht." (
FAZ)
Zu den Traditionsvereinen zählt Hans-Joachim Watzke Bayern München, Schalke, Borussia Dortmund, den 1. FC Köln, den Hamburger SV, den 1. FC Kaiserslautern, Borussia Mönchengladbach und Eintracht Frankfurt. Aber auch die "Kleinen" wie beispielsweise der FSV Mainz 05 oder der FC St. Pauli kommen nicht so schlecht weg beim BvB-Geschäftsführer. Immerhin sei deren Stadion regelmäßig ausverkauft und auch die Zahl der Auswärtsspiele begleitenden Fans sei dort hoch. Höher als bei Klubs wie Bayer 04 Leverkusen, dem VfL Wolfsburg oder der TSG 1899 Hoffenheim, die demnach nicht zu der Kategorie der Traditionsklubs zählen.
Die Diskussion geht sicherlich über den reinen Vorschlag hinaus: Ist das Geld, das Klubs wie Leverkusen, Wolfsburg oder Hoffenheim stützt, ein Wettbewerbsvorteil gegenüber Klubs ohne privaten Geldgeber oder einem Konzern im Rücken? Ganz sicher ist es einer.
Wie schwierig es ist sportlichen Erfolg und nachhaltiges Wirtschaften langfristig zu erreichen und so in die oberen Sphären des Profifußballs zu gelangen und dort auch zu bleiben, weiß man in Dortmund ziemlich gut. Ein Jahrzehnt lang waren sie nach den erfolgreichen neunziger Jahren mehr oder minder bedeutungsloses Mittelmaß, weil fast pleite. Auch der Traditionsklub Schalke 04 kennt das und kämpft momentan um finanzielle Stabilität, trotz der zahlenmäßig zweithöchsten Anhängerschaft bundesweit, trotz hoher Zuschauerzahlen und trotz eines üppigen Markenwertes plus mit Sicherheit zufriedenstellender Einnahmen aus dem Merchandising. Geht es nach Watzke, belohnt man mit diesem Modell also die Beliebtheit - nicht ausschließlich die sportliche Qualität, geschweige denn das wirtschaftlich nachhaltige Handeln.
Nun ist es nicht gerade so, dass Hoffenheim, Leverkusen oder Wolfsburg grauenhaften Fußball bieten oder in der Vergangenheit geboten haben. Erinnern wir uns an die "Vize"-Jahre der Leverkusener, erinnern wir uns an Wolfsburgs Meisterschaft unter Magath oder erinnern wir uns an die Hoffenheimer Fußballkünstler im Jahre 2008. Das war alles schön anzusehen - und hatte durchaus Publikum vor den Fernsehern der Republik (und um TV-Gelder geht es doch hier).
Man kann darüber streiten ob ein Verein wie Bayer Leverkusen, der seit 1979 - also seit über dreißig Jahren - in der Bundesliga spielt, nun eher an Tradition gewonnen hat oder immer noch zu den "künstlichen" Vereinen zählt. Zumindest steht der Fußballabteilung (über hundert Jahre alt!) mit dem Bayer-Konzern ein Geldgeber vor, der durchaus potent ist und die Entwicklung maßgeblich beschleunigt hat. Dies hat auch Dietmar Hopp in Hoffenheim getan. Wo andere Klubs um Sponsoren mühsam kämpfen müssen um Stück für Stück zu wachsen, wird die Zeit in Hoffenheim mit SAP-Gründer Dietmar Hopp oder in Wolfsburg mit dem Volkswagen-Konzern schlicht außer Kraft gesetzt. Nachwuchsförderung, Infrastruktur, Spielerkäufe - all das durch Geld welches nicht mit Fußball verdient wurde, von jetzt auf gleich machbar. Dass das den anderen Klubs stinkt, ist nachvollziehbar. Nichtsdestotrotz haben sich alle drei genannten Vereine durch die Ligen bis ganz nach oben qualifiziert - und das sportlich.
Ob sich in diesen Regionen eine Fankultur entwickelt, die es irgendwann mit den großen Altvereinen aufnehmen kann, ist wohl langfristig auch eine Frage des Erfolgs. Machen wir uns nichts vor, würde Schalke oder Dortmund im Mittelmaß der zweiten Liga versauern, wären die Zuschauerzahlen dort nicht so wie sie jetzt sind.
Warum aber, fragt Watzke, sind die Klubs an der Verteilung des Kuchens genauso beteiligt, die ohnehin schon einen starken Geldgeber haben, wie jene deren Aufstieg und Bedeutung über Jahrzehnte auf sportlichem Erfolg gewachsen ist? Warum bekommen Klubs, deren Zuschauerschnitt eher unterdurchschnittlich ist, genauso viel Ausschüttung wie die Zuschauermagnete?
Die Verteilung der TV-Gelder wurde solidarisch geregelt. Alle sollen gleichermaßen davon profitieren, niemand überproportional bedient und somit bevorteilt werden. Die attraktivste Marke, der FC Bayern München, hätte sonst den Großteil dieser TV-Gelder eingestrichen. Auch die Klubs, die keine Großstadt und deren Fan-Potenzial als Basis haben, sollen nach dem Solidaritätsprinzip Nutznießer der Popularität des Fußballs sein. Und auch sie tragen ihren Teil dazu bei. Der Reiz "klein gegen groß" ist ein nicht gerade unwichtiger Bestandteil der Liga.
Wenn man das niederländische Modell auf die Bundesliga anwenden würde, berücksichtigt man zwar den Popularitätswert, aber nicht das wirtschaftlich verantwortungsvolle Handeln solcher Klubs.
Geschichtsträchtige Vereine wie Kaiserslautern und auch Schalke haben in der Vergangenheit mit äußerst fragwürdigen Methoden ihr wirtschaftliches Überleben gesichert - darf man das unter dem Deckmantel der "Tradition" ignorieren und dann auch noch belohnen? Wäre das nicht unfair gegenüber Klubs, die zumindest privatwirtschaftlich gestützt werden und nicht durch die öffentliche Hand (die sich zudem dagegen nicht wehren kann)? Watzke sagt am Beispiel Schalke 04* dazu : "Hier ist ja kein Geld geschenkt worden. Es sind Anteile gekauft worden, die auch Erträge einbringen. Insofern ist niemand geschädigt." Das wird der Steuerzahler, der nicht zur blau-weißen Anhängerschaft zählt oder sich am Fußball erfreut, sicher anders sehen, zumal die "Sicherheit" solcher Erträge fragwürdig ist.
[* Antwort auf die Frage: "Ist es nicht auch wettbewerbswidrig, wenn ein Klub wie Schalke 04 seine Löcher mit Hilfe der städtischen Gesellschaft GEW stopft, die Stadionanteile kauft?"]
Sicher ist der Ansatz in Watzkes Argumentation diskutabel - aber ein handfester Vorschlag, ein Konzept, ist das alles nicht. Zu viele Fragen sind offen - und ein gerechtes Modell hat Hans-Joachim Watzke uns nicht präsentiert. Hoffenheim hin, Bayern München her - eines will ich als Fußballfan nicht: Dass der "Geist von Fritz Walter" eines Tages über allem schwebt. Denn aus Tradition ist man nicht automatisch gut.