Wer wird neuer Fußball-Weltmeister? Können wir allen Ernstes nach den ersten Gruppenspielen schon Rückschlüsse auf das weitere Geschehen ziehen? Deutschland hat gegen Auftaktgegner Australien begeistert und bot den bislang besten Fußball aller Mannschaften. Deshalb sind sie aber noch lange nicht der große Titelfavorit. Die Brasilianer ließen gestern Abend hier und da durchblicken, zu welch' technischen Finessen sie in der Lage sind. Vorsprung durch Technik? Effizient schlugen die Niederlande und Argentinien ihre Gegner, dass da noch weit mehr drin ist, kann man erahnen. Und dann sind ja da auch noch die Spanier, deren ersten Auftritt wir heute Nachmittag bewundern dürfen.
Das deutsche Credo für dieses Turnier ist wieder einmal "gute Vorbereitung". Die Worte hört man überall im deutschen Lager. Die Interviews mit Jogi Löw, Oliver Bierhoff oder Philipp Lahm sind gespickt mit dem Schlagwort "Vorbereitung", so als wäre dies der Schlüssel zum Erfolg. Vielleicht wird er es ja auch. Wie gut die englische Nationalmannschaft sich vorbereitet hat sieht man daran, dass dort nicht einmal mit dem WM-Ball "Jabulani" aus dem Hause adidas vorab gespielt und trainiert wurde. 51 Prozent aller Spieler des Turniers haben mit dem Spielgerät bereits Erfahrung gesammelt - ein englischer Nationalspieler ist nicht darunter. Nationalteams wie das der Schweiz spielen mit der Herzogenauracher Kugel schon seit Monaten.
Eine deutsche Tugend ist, nichts dem Zufall zu überlassen. Und so wurde im Vorfeld der Schwerpunkt auf adäquate Unterbringung und Trainingsmöglichkeiten gelegt. Serbiens Nationalmannschaft beklagte sich über einen Acker, auf dem sie trainieren mussten. Sind sie tatsächlich erst zum Turnierbeginn davon überrascht worden?
Kaum ein Trainer hat so viele Spieler im Vorfeld der WM ausprobiert wie Joachim Löw. Wenn man es positiv bewerten möchte, spricht dies einerseits für die Breite unserer Möglichkeiten und andererseits für die Akribie des Nationaltrainers. Trotz aller Ausfälle scheint es, als wäre das deutsche Team eine in sich geschlossene und funktionierende Einheit. Das kann man von den meisten anderen Teams in Südafrika bisher noch nicht behaupten.
Wann immer Deutschlands Fußballer Weltmeister wurden - Effizienz war immer auch ein Schlüssel zum Erfolg. Die Schönheit starb meist auf dem Weg zum Titel - doch den deutschen Fußball-Fan störte das wenig - the winner takes it all. Dieses Prinzip beherrschen auch die Italiener, eindrucksvoll unter Beweis gestellt gerade erst 2006 beim letzten Turnier. Doch seit 2006 und der WM im eigenen Lande gerät man bei den Turnier-Auftritten der Deutschen - völlig ungewohnt - regelrecht ins Schwärmen. Jetzt wird auch noch schön gespielt! Dieses Privileg von Niederländern oder Brasilianern gehört plötzlich auch zum deutschen Fußball - und gepaart mit deutschen Tugenden müsste es doch eine unschlagbare Kombination sein. Aber eben an der Effizienz fehlte es bei der WM im eigenen Land. Den Titel holte Italien.
Nicht erst im Australien-Spiel konnte man sehen, dass diese junge deutsche Mannschaft enorm flexibel agiert und eine hervorragende Raumaufteilung praktiziert. Einstudierte und wunderschön anzusehende Spielzüge, überraschende Aktion mit hohem Tempo - alles das kennen wir bereits von der Löw'schen Elf. Jedoch neigen wir in Deutschland immer gern dazu, die Spieler anderer Nationen zu glorifizieren und unsere Talente klein zu reden. Mit Spielern wie Özil, Schweinsteiger, Lahm, Müller oder Marin brauchen wir uns auch im Hinblick auf technische Fertigkeiten vor keiner anderen Nation verstecken. Die deutsche Mannschaft ist aber kein Team von Individualisten, sondern überzeugt als funktionierende Einheit auf und außerhalb des Platzes. Horst Hrubesch, ehemaliger Trainer der U21-Weltmeistermannschaft (vgl. FAZ v. 15.06. "Unser Messi ist Özil") nennt die jüngste deutsche WM-Mannschaft seine "Wunderkinder" und traut ihnen durchaus den Titel zu.
Wenn man einen Schwachpunkt im deutschen Spiel ausmachen möchte, wird man bei der Innenverteidigung landen. Ähnlich wie bei der niederländischen Nationalmannschaft liegt hier der anfälligste Mannschaftsteil. Friedrich und Mertesacker fehlt es zum Teil an Schnelligkeit und teils auch an geistiger Beweglichkeit in bestimmten Spielsituationen, große Ballkünstler sind sie ohnehin nicht. Das Fehlen des Mittelfeldspielers und Kaptitäns Michael Ballack hingegen muss kein Nachteil sein. Die Verantwortung, die auf seinen Schultern lastete, ist nun auf mehrere Spieler verteilt. Hinter Ballack verstecken kann sich nun niemand mehr.
Ein Blick auf den Spielplan verrät, dass das Viertelfinale eigentlich ein Muss ist - und dort lauert vielleicht Argentinien, der erste richtige Brocken des Turniers. Hier wird sich zeigen, wie weit die Talente aus Bremen, München und Stuttgart sind. Gewinnen sie in der Finalrunde ein erstes Spiel "schmutzig", schließe ich mich dem Kreis der Optimisten unverzüglich an. Bis dahin heißt es, abwarten und genießen.