Die tz interviewt * Jörg Dahlmann - und der glaubt tatsächlich, dass er der Journalistengilde einen Gefallen getan und sich gegen einen "beratungsresistenten" Trainer zur Wehr gesetzt hat. Jetzt ist der Interviewer plötzlich so wichtig wie der Interviewte. Diesem Irrtum, Herr Dahlmann, sitzen Sie und einige Ihrer Kollegen (stimmt's, liebe tz-Redaktion?) schon länger auf. Selbstkritik wäre angebracht.
Harald Schmidt über Sportreporter:
Sie sind jung, und Doppelsechser kommt Ihnen so flüssig über die Lippen wie „Zahlen, bitte“? Sie haben nie an Schweini als Brandner Kaspar gezweifelt? Dann ist Sportreporter der perfekte Beruf für Sie!
Am Anfang steht die Frage: Reporter im Fernsehen oder für eine Zeitung? Grundsätzlich ist natürlich eine Tätigkeit beim Fernsehen wesentlich attraktiver: Kohle, Party, Weiber – alles bis zum Abwinken. Allerdings muss ein feiner Unterschied beachtet werden: Vor oder hinter der Kamera? Wenn Sie hinter der Kamera arbeiten wollen, können Sie gleich bei der Zeitung bleiben. Niemand kennt Ihr Gesicht, Sie stehen an der Bar außerhalb der Nüsschenreichweite, und als Kommentator kriegen Sie nur Verrisse. Hier ist eine erste Besonderheit zu vermerken: Die Kollegen aus dem Printbereich schreiben eimerweise Glossen über die vom Fernsehen. Umgekehrt herrscht eher Ignoranz. Außer bei Verrissen oder Heiligsprechungen.
Wenn Sie als Sportjournalist vor der Kamera arbeiten, haben Sie es geschafft. Sie sind stundenlang auf dem Schirm, jeder kennt Sie, naive Zuschauer glauben sogar, Sie hätten Einfluss auf den Spielausgang. Allerdings gibt es auch vor der Kamera noch mal zwei Kategorien: die Giganten (Beckmann und Kerner) sowie die Abteilung „hat am Spielfeldrand einen Gesprächspartner“. Als solcher sind Sie meist nur mit dem Hinterkopf zu se-hen und können sich nur durch heftiges Nicken partiell ins Bild bringen. [...]
Von einem Fußballkommentator erwarte ich, dass er fachlich gefestigt das Geschehen auf dem Fußballplatz kommentieren kann. Kommentieren heißt, mit Informationen ergänzend das Geschehen sprachlich zu begleiten. Natürlich muss der Sportkommentator auch Stimmungen rüber bringen - erzeugen muss er sie nicht. Er (oder auch sie) wird auch nicht daran gemessen, hochkreative Wortschöpfungen en masse zu produzieren und bei jedweder Gelegenheit besonders witzig zu sein. Diese Dinge sind Schreibern oder Komikern vorbehalten. Es ist auch nicht originell, sinnfreie Phrasen von den Kollegen zu übernehmen und somit Trends in der Branche zu setzen (z.B. "Spieler x findet heute nicht statt"). Das ist plumpe Dummschwätzerei - und keineswegs hip, schon gar nicht notwendig. Es gilt den Sport, die Aktion in den Vordergrund zu rücken - der Reporter selbst bleibt besser im Hintergrund.
Für manche Journalisten endet der Job nicht im Glaskasten des Stadions, sie werden auch zum Interviewen der Akteure eingesetzt. Jetzt tauchen sie zumindest peripher vor der Kamera auf - und manch einer verträgt so viel Aufmerksamkeit einfach nicht.
Auch das Interview bedingt gute Vorbereitung, Fingerspitzengefühl und ein Talent für die richtigen Fragen zum richtigen Zeitpunkt. Wenn sich allerdings die investigative Natur allzu sehr ihren Bann schlägt, wird aus dem Befragen meist eine Art Verhör. Wen wundert's da noch, wenn der Interviewpartner die Lust verliert? Boulevardeske Themen sind im Boulevard gut aufgehoben. Ein Reporter der ernst genommen werden will, sollte sich aufs Fachliche konzentrieren.
Im medial überfrachteten Zeitalter des 21-sten Jahrhunderts wird der größte Depp zum Star gemacht - dem Geschäft geschuldet. Und wer sich als Reporter zur Marke machen will, der benötigt Aufmerksamkeit. Diese wird allzu gern durch Übertreibung zu erhaschen versucht. Es gilt der Stimme auch ein Gesicht zu geben, das erhöht den Marktpreis und verbessert die Optionen.
Der Fokus Reporter, durch den der Zuschauer ein Spiel im Fernsehen wahrnimmt, verschiebt sich zusehends auf Banalitäten abseits des Geschehens. Nichts ist so trivial, als dass man es nicht zeigen und kommentieren könnte. Die Spielerfrau reicht ihrem Sitznachbarn ein Kaugummi - solchen Vorgängen von Tragweite wird Raum in der Berichterstattung eingeräumt und finden ihren Weg in Millionen Wohnzimmer, blumig kommentiert von einem, der sich Sportreporter nennt. Nein Danke, das braucht weder der Fan, noch der Protagonist in kurzen Hosen oder Trainerjacke. Das braucht niemand.
Mein Eindruck zum van Gaal-Interview:
Mittwochabend im rumänischen Cluj: Herr Dahlmann fragt im Interview vor der Partie den Trainer der Bayern, ob er denn lieber übers Sportliche oder über das Thema Uli Hoeness sprechen möchte - eine Suggestivfrage, denn die Antwort des Niederländers ignorierte der Reporter vollends und tat damit das, was er ohnehin schon vorhatte. Er ließ das Sportliche beiseite. Wem das noch nicht Verarsche genug war, der hatte nach dem Spiel erneut Gelegenheit dem Journalisten Dahlmann dabei zuzusehen, wie er versuchte den, in Interviews oft knurrigen, Trainer aus der Reserve zu locken. Kalkül - denn Jörg Dahlmann wollte das Spektakuläre, wollte die Konfrontation. Er hatte sich vermutlich auch schon ein passendes Sätzchen zurechtgelegt für diesen Fall, damit nachher niemand behaupten könne, Dahlmann würde vor einem wie van Gaal kuschen.
Louis van Gaal blieb - gemessen an der Zeitspanne eines mehrminütigen Interviews - relativ lange gelassen. Doch dann behakte der Reporter den Trainer, fragte nach Fehleinschätzungen in Bezug auf Spieler Gomez (was letztlich wieder den Zusammenhang zum Hoeness'schen Vorwurf und der Thematik des Interviews vor dem Spiel herstellte).
Der Bayern-Trainer reagiert entsprechend genervt und warf Dahlmann vor, nur "Negativ-Fragen" zu stellen. Was nicht von der Hand zu weisen ist, spielte der Klub doch 4:0 auswärts und qualifizierte sich frühzeitig für das Achtelfinale in diesem Wettbewerb. Dann vergaß Herr Dahlmann plötzlich wer er ist und welche Rolle er gerade inne hat, warf dem Bayern-Trainer die Hoeness'sche Floskel der "Beratungsresistenz" vor und plädiert auf sein Recht, als Journalist kritisch hinterfragen zu dürfen. Dahlmann fängt wiederholt mit der Hoeness-Geschichte an und wehrt den Hinweis van Gaals auf die Pressemitteilung des Klubs ab. Sinngemäß: Was glauben Sie denn, was ich um eine solche Pressemitteilung gebe?! Ohne Worte.
Herr Dahlmann, gehen Sie zurück auf Ihren Reporterplatz.
* Eine Auswahl von Kommentaren zum tz-Artikel, die meinen Eindruck widerspiegeln:
"...nach einem spiel erwarte ich als zuschauer fragen zum spiel und nicht so nen provokanten scheiss. was interessiert mich in dem moment der zoff zwischen hoenuess und van gaal oder ob er den gomez falsch eingeschätzt hat.
da will ich ganz andere sachen wissen.
vorallem braucht dieser "reporter" dem v.g. nicht beratungsresistenz vorwefen, von einem journalisten braucht er sich wirklich nicht beraten lassen."
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"...Daß der Dahlmann dem Van Gaal Beratungsresistenz vorwirft ist schon eine Unverschämtheit! Wollte er den Trainer des Jahres 2010 etwa "beraten"? Das kann ja wohl nicht sein Ernst sein."
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"...wenn die Fragen mal hin und wieder etwas seriöser gestellt würden, dann hätten sowohl Van Gaal als auch wir Fans mehr Freude daran! Leider ist es der Presse wichtiger den Trainer gezielt zu provuzieren als kompetente Aussagen zu erhalten.
Und hinterher stellt dieser Dahlmann sich als Unschuldslamm dar und lässt sich in der Pressewelt als Held feiern! Bravo!"
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"... Was glaubt eigentlich dieser Dahlmann, wer er ist. Auf alle Fälle fehlt ihm die gute Kinderstube. ..."
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"Der Dahlmann ist (wie viele seiner Reporterkollegen und Moderatoren) ein Sensationsgeierreporter, immer auf der Suche nach einer Story, die man genüßlich ausschlachten kann und die entsprechende Publicity und Quoten bringt.
Fachlich muß man da schon gar nicht mehr gut drauf sein, man hat das Gefühl, es langt den Sendern schon, wenn der "investigative" Journalismus mit aller Macht durchgepeitscht wird, um den Befragten in die Enge zu treiben und bloßzustellen...."
da will ich ganz andere sachen wissen.
vorallem braucht dieser "reporter" dem v.g. nicht beratungsresistenz vorwefen, von einem journalisten braucht er sich wirklich nicht beraten lassen."
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"...Daß der Dahlmann dem Van Gaal Beratungsresistenz vorwirft ist schon eine Unverschämtheit! Wollte er den Trainer des Jahres 2010 etwa "beraten"? Das kann ja wohl nicht sein Ernst sein."
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"...wenn die Fragen mal hin und wieder etwas seriöser gestellt würden, dann hätten sowohl Van Gaal als auch wir Fans mehr Freude daran! Leider ist es der Presse wichtiger den Trainer gezielt zu provuzieren als kompetente Aussagen zu erhalten.
Und hinterher stellt dieser Dahlmann sich als Unschuldslamm dar und lässt sich in der Pressewelt als Held feiern! Bravo!"
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"... Was glaubt eigentlich dieser Dahlmann, wer er ist. Auf alle Fälle fehlt ihm die gute Kinderstube. ..."
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"Der Dahlmann ist (wie viele seiner Reporterkollegen und Moderatoren) ein Sensationsgeierreporter, immer auf der Suche nach einer Story, die man genüßlich ausschlachten kann und die entsprechende Publicity und Quoten bringt.
Fachlich muß man da schon gar nicht mehr gut drauf sein, man hat das Gefühl, es langt den Sendern schon, wenn der "investigative" Journalismus mit aller Macht durchgepeitscht wird, um den Befragten in die Enge zu treiben und bloßzustellen...."
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"In jedem Grundkurs Interviewtechnik lernt man. wie wichtig es ist, eine gute Atmo zwischen Interviewer und Interviewtem aufzubauen, um dann im Laufe des Gesprächs auch schwierige Themen anzusprechen.
Dahlmann hat gestern bewusst die Konfrontation gesucht.
Denn das ganze hat eine Vorgeschichte:
nämlich das Interview VOR dem Spiel, in dem Dahlmann ihn fragt, ob er lieber Fragen zum Spiel beantworten möchte, oder Fragen zu Hoeneß.
Van Gaal wollte zu Hoeneß KEINE Fragen beantworten - Dahlmann fing aber dennoch damit an. Das ist ein Verschaukeln und Verarschen des Interviewpartners mit einer Pseudofrage ("wollen Sie, oder nicht?") ..."
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"Der Dahlmann, war mal wieder der Beweis dafür wie besch..sen penetrant und einfallslos Reporter sein können, die selben Fragen die vorher schon 25 andere gestellt haben und sich dann auch noch wundern, warum man davon genervt ist...."
Dahlmann hat gestern bewusst die Konfrontation gesucht.
Denn das ganze hat eine Vorgeschichte:
nämlich das Interview VOR dem Spiel, in dem Dahlmann ihn fragt, ob er lieber Fragen zum Spiel beantworten möchte, oder Fragen zu Hoeneß.
Van Gaal wollte zu Hoeneß KEINE Fragen beantworten - Dahlmann fing aber dennoch damit an. Das ist ein Verschaukeln und Verarschen des Interviewpartners mit einer Pseudofrage ("wollen Sie, oder nicht?") ..."
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"Der Dahlmann, war mal wieder der Beweis dafür wie besch..sen penetrant und einfallslos Reporter sein können, die selben Fragen die vorher schon 25 andere gestellt haben und sich dann auch noch wundern, warum man davon genervt ist...."

7 Kommentare:
Dahlmann steht leider nur stellvertretend für eine Gilde, die nur auf an Spektakulärem interessiert ist.
Das Sportstudio wird mit dem "Bruchweg-Boys" zu Bravo TV, anstatt junge Spieler auch einfach mal nur zu fragen, wer denn ihre fußballerischen Vorbilder in der Jugend waren. Das ist auch nicht investigativ, aber immer noch journalistischer als sie mit Stromgitarre auftreten zu lassen.
Aber das ist ja kein Phänoen des Sportjournalismus. Helmut Kohl durfte schon vor 15 Jahren über die richtige Zubereitung von Schokoladenpudding philosophieren...
Danke für diese ausführliche, treffliche Analyse des Dilemmas! Auch die Welt hat dieses Interview (allerdings weitgehend ohne Bewertung) dokumentiert. Interessant sind auch hier die zahlreichen Kommentare der Leser:
http://www.welt.de/sport/fussball/bundesliga/fc-bayern-muenchen/article10731968/Wenn-Sie-das-nicht-verstehen-ist-das-Ihr-Problem.html
@stadtneurotiker: Richtig, Dahlmann ist nur ein Beispiel von vielen.
@Matze: Danke für den Link.
Man merkte das Dahlmann es von Anfang an drauf angelegt hatte. "Beratungsressistent" passte in dem Moment nicht mal, er wollte es einfach sagen.
Mir aus der Seele geschrieben!
Kleiner Einwand: Du schreibst
"Der Bayern-Trainer reagiert entsprechend genervt und warf Dahlmann vor, nur "Negativ-Fragen" zu stellen. Was nicht von der Hand zu weisen ist, spielte der Klub doch 4:0 auswärts und qualifizierte sich frühzeitig für das Achtelfinale in diesem Wettbewerb."
Aber das Interview fand -wie Du weiter oben auch bemerktest- VOR dem Spiel statt. Von einem Auswärts-4:0 konnte man noch nichts wissen.
Sehr schön! Ich erlaube mir, Dich zu zitieren.
`Schulligung, das Interview fand doch NACH dem Spiel statt, ähem...
@stefano: Du hast es ja an anderer Stelle schon bemerkt. Das Interview, das ich meine, fand nach dem Spiel statt. ;)
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