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Dienstag, 16. November 2010

Gute, alte Tradition

Für viele Nicht-Leverkusener ist Bayer 04 - die Fußballtochter der Bayer AG - immer noch ein Plastik-Klub, ein Werksverein, die Abteilung Profi-Fußball eines Chemie- und Pharmaunternehmens. Bayer Leverkusen machte aus der Image-Not eine Tugend und bezeichnet sich mittlerweile ganz offiziell als "Werkself" - was übrigens auch im traditionellen Sinne den Nagel auf den Kopf trifft, da der Verein von Werksangehörigen gegründet wurde. 

Mein Verhältnis zu dem Klub, der in der Stadt ansässig ist in der ich seit 43 Jahren lebe, ist gespalten. Ich habe mich nie für "den Bayer" begeistern können - ebenso habe ich nie einen Hauch von Sympathie für den "SVB" empfinden können. In der Regel sind mir die Ergebnisse Bayer 04 Leverkusens völlig egal. 
Als ich in jungen Jahren Wochenende für Wochenende in Stadien verbrachte, war das alte Leverkusener Haberland-Stadion für mich die willkommene Möglichkeit für gerade mal 5 D-Mark Bundesligafußball sehen zu können, wenn nicht ein Bayern-Spiel irgendwo in der Nähe stattfand. Dementsprechend oft war ich Zuschauer bei Bayer 04 - wenngleich auch immer in der Gästekurve. Es war - wenn man so will - zu einer Art Hobby geworden, neben dem Spiel auch die Fans der anderen Klubs zu beobachten und zu bewerten. Die Hamburger waren immer recht originell, die Düsseldorfer phantasievoll wenn es darum ging der hiesigen Polizei Schnippchen zu schlagen, die Bremer stocklangweilig undsoweiterundsofort. In Leverkusen sah ich auch den Liverpooler FC, das UEFA-Cup-Endspiel gegen Espanol Barcelona und wie Rotterdamer Fans die halbe Stadt samt Stadion zerlegten. Das alles hat an meinem Empfinden für Bayer 04 Leverkusen nichts geändert - die Stimmung der Bayer-Fans empfand ich meist als mau und für das äußerst verwöhnte und unsachlich kritische Altherrenpublikum hatte ich kein Verständnis. Leverkusen war eine Sportstadt - aber nie eine Fußballstadt. An meinen Empfindungen hat sich auch mit dem neuen Stadion nichts geändert. Ich finde die Stimmung dort immer noch langweilig, wenngleich ich heute nur noch sporadisch Spiele in der BayArena besuche. 
Am kommenden Samstagabend kommen die Bayern, meine Bayern, in die Stadt - und man braucht nicht extra zu erwähnen, wie wichtig drei Punkte aus dem Spiel gegen "die Werkself" wären. Ganz abgesehen von der sportlichen Konstellation ist es mir natürlich eine Herzensangelegenheit, dass gerade hier - in meinem Wohnort - die Bayern den Sieg erringen. 
Bayer Leverkusen liegt mit fünf Punkten Vorsprung vor Bayern München derzeit auf Platz zwei der Tabelle. Auch wenn es nicht gerade rund lief in der laufenden Saison, hat die Truppe von Jupp Heynckes sich zum ernsthaften Jäger Borussia Dortmunds und somit Meisterschaftsaspirant gemausert. Mainz, Freiburg und Frankfurt darf man wohl diese Rolle noch nicht zutrauen. Ein Sieg am Samstag und die Bayern können die Jagd auf die schwarz-gelbe Borussia eröffnen. Dass man einer Mannschaft der Spitze im direkten Vergleich dabei drei Punkte wegnimmt ist ein  netter und nicht unwichtiger Nebeneffekt. 

Bayer Leverkusen ist die Mannschaft der letzten Minuten. Was sonst dem FCB berechtigterweise zugeschrieben wird, ist zurzeit ein Merkmal der Heynckes-Truppe. Fünf mal trafen die Bayer-Kicker in den letzten Minuten, retteten so wichtige Punkte oder errangen sogar noch Siege. Dabei ist Bayer alles andere als in Vollstreckerlaune - Torchancen werden meist zuhauf ausgelassen. 
Das Mittelfeld ist wohl der stärkste Mannschaftsteil und mit Rolfes, Vidal, Barnetta, Sam und Renato gut bestückt. Vorne im Angriff dümpelt meist Helmes alleine rum (Kießling verletzt) - ohne dass er zu mehr taugt, als aus allen möglichen und unmöglichen Positionen aufs Tor zu ballern.
Seit der Verletzung Sami Hyypiäs ist es mit der Defensive bei Leverkusen nicht so weit her. Auffällig ist, dass die die meisten Gegentore in der Spielphase nach der Pause bis zur 70-sten Minute fielen. Hier sind die Gastgeber ebenso anfällig wie die Bayern zuletzt. Die Hälfte der Tore für Bayer 04 wurde von Mittelfeldspielern geschossen - Vorsicht ist vor allem bei Sidney Sam und Arturo Vidal geboten! 
Die Bayern hingegen haben alles andere als ein Sturmproblem - Gomez trifft und trifft, seitdem van Gaal das Spiel etwas mehr auf den Bayern-Stürmer zugeschnitten hat. Zudem ist Franck Ribéry wieder einsatzfähig und hat gegen Nürnberg schon gezeigt, wie viel Power er dem Bayern-Spiel verleihen kann. Die "B-Spieler" Tymoschtschuk und Pranjic (so er defensiv nicht sonderlich gefordert ist) machen ihre Sache mittlerweile so gut, dass ein echter Konkurrenzkampf um die Stammplätze bevorsteht. Schwächster Mannschaftsteil ist die Abwehr - besser gesagt die Innenverteidigung. Mit Breno, der kurzfristig für Demichelis zum Einsatz kam, könnte das Problem zumindest teilweise gelöst werden. Unsicherheitsfaktor Nummer Eins ist derzeit Daniel van Buyten.

Bei beiden Teams lief es bislang noch nicht rund, was auch an der Punktedifferenz zu Borussia Dortmund abzulesen ist. Doch so langsam verdichten sich die Anzeichen dafür, dass sowohl Leverkusen als auch die Bayern mehr und mehr auf Kurs kommen. 
Die Bilanz ist positiv für den FC Bayern: Bei vierzehn Siegen in Liga-Duellen und sechs Unentschieden, verlor man in Leverkusen elf Mal.
Am Samstag geht es vor allem für die Bayern um verdammt viel: die Klettertour und das Sammeln von Punkten muss weitergehen, will man eine vernünftige Ausgangsposition für die Aufholjagd in der Rückrunde schaffen. Ich bin natürlich im Stadion - gute, alte Tradition eben. 

Mein Tipp: Leverkusen 0, Bayern 2
   

1 Kommentare:

18:48 Marcus hat gesagt…

Die Statistik spricht auch ziemlich deutlich für die Bayern. Im letzten Jahrzehnt konnte Leverkusen nur dreimal gewinnen. Zwei mal in der Liga zu Hause (2002 und 2004) und einmal im Pokalspiel 2009 in Düsseldorf. Vielleicht wird es eines von den "Ersatzspielern" geprägtes Match. Schauen wir mal auf Gomez und Helmes. Die beiden treffen zum 1:1 Endstand.