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Dienstag, 23. November 2010

Auf dem Weg nach Hollywood?

Es gibt zwei Varianten auf die es momentan hinaus zu laufen zu scheint: Erstens, Louis van Gaal ist die Luft beim FC Bayern mittlerweile zu rau und er provoziert einen Rauswurf, der ihm mit einer hübschen Summe noch versüßt wird. Dass er Nationaltrainer werden will, hat er mehrfach unmissverständlich verdeutlicht. Zweitens, die Bayern-Führung hat die Vertragsverlängerung des Trainers überstürzt, muss aber nun feststellen, dass die Zusammenarbeit so auf Dauer nicht funktioniert - zumal der sportliche Erfolg zweifelhaft ist. Demnach wäre es also nur eine Frage der Zeit, bis die Ära van Gaal in München ihr vorzeitiges Ende findet. Eine waghalsige These? Vielleicht. Aber wie anders soll man das derzeitige Schlagzeilengewitter und diverse Aussagen der Protagonisten denn deuten? 

Der Ausbruch des Uli Hoeness vor einigen Wochen war vermutlich nicht mal die Initialzündung - sondern eine Art letzter (öffentlicher) Aufruf an den niederländischen Trainer, seine Rolle im Verein zu überdenken. Anders kann ich mir die Hoeness'sche Verbalattacke nicht erklären. Da guckt der Bayern-Fan geschockt, wähnte er sich doch eben noch im Friede-Freude-Eierkuchen-Land - und dann haut der Präsident ohne jede Vorwarnung bei einem harmlosen Fußball-Talk im Fernsehen heftige Kritik am eigenen Trainer raus. 
So unantastbar van Gaal schien, ab diesem Zeitpunkt stand er im Kugelhagel. Altintop beschwerte sich vor laufenden Kameras bei ihm über seine Auswechslung, Ribéry fühlt sich vom Trainer nicht respektiert und macht dies öffentlich, van Gaals "Schweinsteiger-Aussage" sorgt für Ärger an der Säbener Straße und ruft Nerlingers und Rummenigges vehementen Widerspruch auf den Plan - die Zahl derer, die mit Louis van Gaals "Aktionen" nicht mehr einverstanden sind und dies auch öffentlich kundtun, wächst. Meuterei beim Rekordmeister? 
Dabei war alles so intakt, so ruhig - obwohl die Saison denkbar schlecht begann. Der charismatische van Gaal hatte die Bayern immerhin innerhalb einer Saison zum Double und ins Champions League-Finale geführt - trotz eines ebenfalls denkbar schlechten Starts in die letzte Saison. Die Bayern boten einen Fußball, den man so in München noch nicht gesehen hatte - und der die ganze Republik zu heimlichen Bayern-Fans zu machen schien. So kantig und knurrig Louis van Gaal seine erste Bundesliga-Saison eröffnete, so sympathisch wurde "Feierbiest"  plötzlich. Zu viel Sympathie und ein Zuviel an Harmonie beim FCB? 

Der Tabellenplatz im Mittelfeld der Liga, vierzehn Punkte hinter dem Tabellenersten, zwingt schon vor der Winterpause zu einer Korrektur der Saisonziele. Antizyklisch dazu verhält sich (noch) das Auftreten der Bayern in der Champions League und im DFB-Pokal. Was im wöchentlichen Ligabetrieb nicht gelingen will, Konstanz und Siegesserien, ist in zwei von drei Wettbewerben bislang noch kein Problem. Nicht zu vergessen ist, dass van Gaal nicht die Truppe der letzten Saison zur Verfügung hat. Ständige Verletzungen und Langzeitausfälle erschweren Kontinuität. Zwar kann man dem Trainer dies nicht anlasten, allerdings war er es, der auf Neuverpflichtungen trotz eines 30-Mio-Budgets verzichtete.  
Schwachpunkt der Mannschaft ist die Abwehr - und dies war auch schon in der Vorsaison ein Thema. Natürlich ehrt es van Gaal, jungen Talenten wie Alaba, Contento und nicht zuletzt Badstuber zu vertrauen. Aber diese Spieler sind auch nicht das Problem. Die Schwächen von Martin Demichelis und Daniel van Buyten haben bereits im letzten Spieljahr für Herzrhythmusstörungen gesorgt - hier war Nachbesserung fällig. Auch wenn es national reichte, internationale Spitzenklasse war das nicht. Bayerns Vorstand sah das auch so, van Gaal lehnte ab. 

Nun ließ Uli Hoeness verlauten, dass die Bayern Sami Khedira verpflichten wollten. Louis van Gaal wollte das nicht. "Dann holst du den Khedira für 15 Millionen – und er lässt den Alaba spielen”, soll Hoeness gesagt haben - und erinnert an die kolportierten 35 Millionen für Mario Gomez, lange Zeit Bankdrücker unter dem Bayern-Trainer. In die gleiche Kategorie fällt der Transfer Tymoschtschuk - einst von den Bayern-Oberen unbedingt gewollt, von van Gaal zunächst aussortiert. "Ich habe diese Spieler nicht geholt", sagte einst van Gaal - und ja, Recht hat er. Geschmeckt haben dürfte diese Aussage dem Vorstand der Bayern aber nicht. 
Das Fass zum Überlaufen brachte van Gaals Kommentar zu Bastian Schweinsteigers Vertragsverlängerung: Man solle ihn für 30 Millionen gehen lassen, wenn er jetzt nicht verlängere - und Geld mit ihm verdienen.  

Das Dilemma der Bayern ist, dass man einerseits Spieler die man unbedingt wollte bei Laune halten möchte, andererseits aber einen charakterfesten - fast sturen - Trainer hat, der nun einmal für die Aufstellung und den Einsatz der Spieler alleinverantwortlich ist. Um den Preis der Zufriedenheit im eigenen Haus fühlt man sich bemüßigt, ihm ins Geschäft reden. 
Van Gaal setzt auf die Jugend - und bislang macht er damit nichts falsch beim FC Bayern. Doch das Ziel des Klubs, sich an den Tisch des europäischen Fußballgipfels zu setzen und dort auch zu bleiben, steht über allem. Dieses Ziel zügig zu erreichen, ist das Gebot. Eine Champions-League-Finalteilnahme reicht da nicht. Lahm, Ribéry, Schweinsteiger & Co. wollen diesen Titel auch gewinnen. Ausschließlich mit jungen Wilden wird das nicht zu machen sein.

Natürlich steht und fällt alles mit der sportlichen Situation - und die ist momentan nicht zufriedenstellend. Wäre dem so, würden kritische Zwischentöne sicher zurück gehalten. Doch ist der Ist-Zustand wirklich so verwunderlich? Immerhin geht es dem Gewinner der Königsklasse, Inter Mailand, derzeit nicht anders. 
Und wo stehen die meisten Spitzenklubs der Liga im Spieljahr nach der Weltmeisterschaft? Schalke, Wolfsburg, Bremen, Stuttgart, Hamburg? Allesamt durchschnittlich bis unterdurchschnittlich. 
Gefährlich wird es, wenn die Mannschaft als Team nicht mehr funktioniert, denn das ist zweifelsfrei dem Trainer anzulasten. Ansätze hierzu mag man derzeit erahnen, mehr aber auch nicht. Van Gaals Bilanz wird man im Mai nächsten Jahres genauer ablesen können - bis dahin muss Vorstand, Trainer und Spieler in einem Boot auch in die gleiche Richtung rudern. Alles andere wäre wieder Hollywood-Bayern und stünde jeder nachhaltigen Entwicklung im Wege. Persönliche Eitelkeiten müssen hinten angestellt werden - auf allen Ebenen. Ruhe bewahren und arbeiten - weniger öffentlich übereinander und mehr intern miteinander reden, muss jetzt die Devise sein.

3 Kommentare:

Matze hat gesagt…

Du sprichst mir aus der Seele. Ich kann’s immer noch kaum fassen, was hier in den letzten Wochen passiert ist und in was für einer Situation wir jetzt plötzlich stecken. Ich meine nicht mal die unbefriedigenden Liga-Resultate, sondern das (bei uns wohl zwangsläufig) damit einhergehende Theater.

Fassungslosigkeit über Ulis Ausbruch, Ärger über Spieler, die in der Öffentlichkeit rumwundern, und über einen recht hilflos wirkenden Vorstand, der es nicht schafft, Wogen zu glätten und Ruhe reinzubringen. Das Schlimme: Im Moment quatscht jeder in jedes Mikro, das man ihm vor die Nase hält.

Wieso äußert sich van Gaal zu wirtschaftlichen Dingen? Wieso staunt Hoeneß plötzlich, was er da für eine Lawine losgetreten hat, und kündigt eingeschnappt an, bis Weihnachten gar nichts mehr zu sagen, weil ja alle aus ner Mücke nen Elefanten machen? Was haben Spieler öffentlich über Einsätze und Auswechslungen zu meckern, zumal die Betreffenden beschissene Leistungen bringen? Warum muss Ribery öffentlich für das Haching-Spiel kritisiert werden? Warum muss Ribery öffentlich dazu Stellung nehmen?

Das ist momentan FC Hollywood at it’s worst und ich weiß nicht, auf wen ich gerade am meisten sauer bin. Alle rein in den Sack, paar Mal draufhauen und man trifft garantiert den richtigen.

Ich bin gespannt, ob wir irgendwann wieder zur Ruhe kommen und uns wieder auf die Arbeit konzentrieren. Ehrlich gesagt hab ich derzeit kein sehr gutes Gefühl. :-|

Beatsox hat gesagt…

Stark. Besser kann man das Dilemma eigentlich nicht beschreiben..

Ilja hat gesagt…

Kann dir da nur zustimmen. Van Gaal verliert sowieso nach und nach den Bezug zur Realität. Wenn man erfolgreich ist, ist dieser Punkt nicht ganz so schlimm, aber gerade in der momentanen Phase kommt das eine zum anderen. Erschreckend seine Aussagen, wie: „Jeder Verein bei dem ich war, hat während meiner Amtszeit Plus gemacht“. Na und? Kein Wunder wenn man einen absoluten Stammspieler, Star und eine Identifikationsfigur wie Schweinsteiger verkaufen würde. Schon letzte Saison meinte er, dass Demichelis die beste Saison seines Lebens spielte… Ist klar. Und sein von dir angesprochener Jugendwahn, unbedingt jemanden aus dem Hut zaubern zu müssen, kann nicht immer aufgehen, vor allen Dingen nicht bei den Bayern! In der Winterpause muss gehandelt werden. Fragt sich nur wie, wenn der Trainer mit den vorhandenen Spielern total zufrieden ist…