Wir starteten vom Haus Frein in Bochum mit mehreren Bussen in Richtung Spanien. Das Ziel war Lloret de Mar, der touristische Küstenort an der katalanischen Costa Brava. Die Fahrt war unaufgeregt, mit der üblichen Mischung aus Spannung und Vorfreude. Der FC Bayern hatte sich in der Gruppe mit Bröndby Kopenhagen, dem FC Barcelona und Manchester United durchgesetzt, im Viertelfinale Kaiserslautern mit 6:0 auf dem Betzenberg gedemütigt, und im Halbfinale Dynamo Kiew aus dem Wettbewerb gekickt. Beim Gruppenspiel in Manchester und in Kaiserslautern war ich dabei.
Angekommen in Lloret, bezogen wir ein kleines Hotel und flanierten anschließend durch die Gassen und entlang der Strandpromenade. Die Touristensaison hatte noch nicht begonnen, aber Lloret war überfüllt mit Menschen - der Fußball regierte die Stadt. Mit einigen Sixpacks eiskaltem Becks ging's an den Strand. Wir genossen die Fußballatmosphäre um uns herum, überall tranken und feierten deutsche wie britische Fans friedlich miteinander. Die heiße Sonne ließ uns das Bier etwas schneller zu Kopf steigen als üblich. Wir blickten selig auf das Meer vor uns und philosophierten über das bevorstehende Endspiel - ein bisschen Angst vor einer Niederlage, aber im Grunde waren wir guter Dinge. Am Abend suchten wir in diesem wenig reizvollen und völlig überfüllten Badeort ein passables Restaurant - eine Stunde mussten wir auf einen freien Tisch warten, wofür wir dann aber mit der guten Küche des Etablissements belohnt wurden. Danach ging es auf eine der Hauptstraßen, wo einige tausend Fans beider Klubs beim Bier diskutierten und den lauen Frühlingsabend mit Schlachtgesängen anreicherten. Gemeinsam mit Jan unterhielt ich mich mit einer Gruppe von Manchester-Fans, und wir hatten zu keinem Zeitpunkt das Gefühl von Bedrohung oder von einem der umstehenden Engländern angefeindet zu werden. Doch je später der Abend wurde, desto nervöser wurde die spanische Polizei, der dann plötzlich einfiel man könne nun die Fangruppen trennen. Die Stimmung wurde aggressiver und vereinzelt kam es zu Scharmützeln mit der Guardia Civil - ansonsten blieb es friedlich. Ein vollkommen unsinniger Auftritt der spanischen Ordnungshüter. Wir feierten dann anschließend noch ein paar Stunden in der Hotelbar und verschwanden dann in unsere Betten.
Nach dem Frühstück am nächsten Morgen wurden unsere Busse von der spanischen Polizei nach Barcelona eskortiert. Die Stimmung stieg mit jedem Kilometer, den wir uns der katalanischen Metropole näherten. Weit ab vom Zentrum wurden wir auf einem riesigen Gelände aus den zahlreichen Reisebussen gelassen, von dort ging es dann mit der U-Bahn ins Stadtzentrum. Die Stimmung dort war entspannt, aber dominiert von Manchester-Fans - wo waren all die Bayern-Fans? Die meisten Fans aus Deutschland zogen es vor, die Sehenswürdigkeiten Barcelonas zu erkunden oder direkt bei den Bussen zu bleiben - im Gegensatz zu unserer Gruppe, die inmitten zehntausender Manchester-Fans die Partystimmung genoss. Ich hatte keinen Kopf für Kultur oder die Schönheit der hiesigen Architektur. Zwischenzeitlich befragte mich noch ein deutsches Fernsehteam zu den "
Krawallen zwischen deutschen und englischen Fans in Lloret" - die es ja gar nicht gab. Ich schimpfte ein wenig über die spanische Polizei, aber das was die ProSieben-Reporter hören wollten, gab es von mir nicht.

An den Weg zum Stadion kann ich mich gar nicht mehr erinnern, aber es war ein gewaltiges Gefühl in diese Arena zu treten und auf diese gigantischen Tribünen zu blicken. Wir standen inmitten einer rot-weißen Wand aus Bayern-Fans, die ich zahlenmäßig weit höher schätzte als die Anzahl der Manchester-Anhänger - wo waren die den ganzen Tag über? Das Stadion wirkte irrwitzig steil, und trotz der - dem Fassungsvermögen von 100. 000 Zuschauern geschuldeten - hohen Tribünen, empfand ich den Blick aufs Grün ganz passabel.
Die Zeremonie begann, und während Montserrat Caballé, begleitet von der Tonbandstimme des verstorbenen Freddie Mercurys, "
Barcelona" sang, hatte ich - gänsehäutig ob der Atmosphäre - ein erstes mulmiges Gefühl. Wie sagt man so schön? "
Die Oper ist erst zu Ende, wenn die dicke Frau gesungen hat" - 93 Minuten nach Anpfiff weiß ich, dass da etwas Wahres dran ist.

Es war mein zweites Endspiel um diese Trophäe - das erste in
Wien 1987 hatten wir verloren. Nun war sie wieder da, die Chance diesen Cup zu gewinnen, 12 Jahre später. War das nun der Abend, auf den ich seit 22 Jahren hingefiebert hatte? Der mir mehr bedeutete als bisher dagewesene in meinem Fan-Dasein?
Das Spiel begann und die Bayern spielten gut. Schon nach sechs Minuten schoss "Super-Mario" das 1:0 durch einen Freistoß! Manchester wirkte wie paralysiert von dem frühen Rückstand auf dem Platz - die Bayern dominierten das Spiel. Aus der englischen Kurve kamen nur noch sporadische Anfeuerungsrufe.
Nach der Halbzeit spielten die Engländer wieder mit, erhöhten den Druck, und trotzdem hat man das Gefühl, die Bayern stehen dem 2:0 näher als die Briten dem Ausgleich. Kurz vor Ende der Partie erspielten sich die Bayern noch zwei, drei hochkarätige Torchancen. Verteidiger Stam, Torhüter Schmeichel und die Latte verhinderten die Entscheidung. Irgendwie schwante mir Böses. Nach Scholls Pfostenschuss und Janckers Fallrückzieher starrte ich im Sekundentakt auf die Uhr. Ich begann zu ahnen, dass es ein Spiel gegen die Zeit würde. Irgendetwas in mir erzeugte diese Unruhe, die mich die Minuten herunterbeten ließ. Die offizielle Spielzeit war bereits um, Nachspielzeit.
Thorsten Fink bekommt den Ball nicht weggeschlagen, der Ball landet bei Giggs, der schießt den Ball zu Sheringham und der Ball ist im Tor - Ausgleich! Unfassbar! Aus dem Nichts - wir hatten das Spiel beherrscht - kein Mucks war bis zu diesem Zeitpunkt von den Manchester-Fans zu hören - jetzt tobte der ganze Block! Das kann doch nicht wahr sein?! Ich bin wie gelähmt. Ich starre in das Gesicht von Hansi Kordges - der alte Recke, der schon in Rotterdam dabei war. Wir sind die "Alten" in unserer Gruppe, die das Elend von Wien '87 schon miterlebt hatten. Hansis Blick ist leer,
todtraurig, nie werde ich diesen Ausdruck in seinem Gesicht vergessen, der mir fast das Herz brach. Doch was dann kam, hatte ich im Fußball noch nicht erlebt.
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Ein letzter Angriff der Engländer, Eckstoß für Manchester. Beckham bringt den Ball in den Strafraum, Solskjaer bringt den Fuß an den Ball. Tor.
Tor. Sie haben ein Tor geschossen - das Spiel ist aus.
Was? Keine Verlängerung, kein Sieg, keinen Pokal. Man United ist Champions League-Sieger. Zwei Minuten in der Nachspielzeit reichen der schlechteren Mannschaft dieses Finales um zu gewinnen. Ich kann es nicht fassen. Wir blicken uns alle entgeistert an. Niemand spricht, niemand flucht. Wir starren wie vom Blitz getroffen auf jubelnde Engländer, weinende Bayern-Spieler. Ich verlasse die Tribüne und gehe wie betäubt auf eine der Mauern zu, stütze mich ab und starre auf die Lichter der Stadt. Ich höre nichts mehr, sehe niemanden mehr, nur die Stadt vor mir - die irgendwie unschuldig, bei all dem hier völlig unbeteiligt wirkt - wie in eine andere Welt. Ich bin leer. Ich fühle mich wie der einsamste Mensch der Welt. Tränen laufen mir über das Gesicht. 22 Jahre Warten, und wieder nichts. Wieder stehen wir mit leeren Händen da. Zwei Minuten! Wir hatten die Hände schon am Pokal. Ich kann es - ich will es nicht glauben. Ein paar der anderen kommen, wir umarmen uns lautlos, weinen, schütteln die Köpfe. Gesprochen wird nicht mehr.
Es tröstet wenig, dass Bayern-Fans und Bayern-Mannschaft sich an diesem Abend in Barcelona den aufrichtigen Respekt der Engländer verdienten. Die Fairness mit der diese Niederlage ertragen wurde, hat auf der Fußballinsel nicht wenige sehr beeindruckt. Dazu muss man die englische Fußballmentalität verstehen, die Härte im Nehmen und die klaglose Akzeptanz der Niederlage glorifiziert. Fan-Sein heißt Leiden, und wer litt mehr an diesem Abend als die Fans der Bayern?! Für Manchester United-Fans war dieser Abend aufgrund seiner Dramaturgie sicher das Allergrößte -
coming from behind, von hinten kommen, sagen die Engländer dazu.
Foto: Spiegel Online
Zurück im Bus kehrt die Stimmung und der Galgenhumor mit jedem Kilometer in Richtung Heimat zurück. Wir singen alberne Schlagerlieder oder texten Fußballsongs um. So seltsam es klingt, aber die Stimmung im Bus ist fast besser als auf der Hinfahrt. Das erste was mir auffällt, zurück in Deutschland, ist das Mitleid. Man hat Mitleid mit uns! Egal ob Schalke-Fans, oder Gladbacher, Kölner oder Leverkusener - überall Unverständnis und Mitleid! Mit Schadenfreude wäre ich zurechtgekommen, aber Mitleid?
In den Wochen, Monaten und Jahren danach habe ich
Barcelona ausgeblendet - dieses geflügelte Wort "Barcelona" aus meinem Wortschatz gestrichen. Ich habe die Erinnerungen versucht zu löschen - alles auszublenden. Bis zum Mai 2001 und dem
Finale in Mailand. Da waren sie wieder da, die Erinnerungen, wie eine Warnung! Aber an diesem Abend im Mai 2001, in der Mailänder
Oper des Fußballs, haben wir dann endlich Geschichte geschrieben - und ich durfte dabei sein. Der gute Hansi war natürlich auch dort.