Als der Beginn einer neuen Ära beim FC Bayern geplant wurde, kam für die Position des Trainers nur ein Vertreter der jungen Trainergeneration in Betracht. Wunschkandidat Arsene Wenger stand ja mal wieder nicht zur Verfügung.
Jürgen Klopp war ein Kandidat, Namensvetter Klinsmann ein anderer. Der eine hatte Trainererfahrung in Liga 2 und Liga 1 gesammelt, international dagegen war Klopp ein unbeschriebenes Blatt. Der andere, Klinsmann, hatte die Nationalmannschaft gemeinsam mit Jogi Löw zum Vize-Weltmeister gemacht - Ligaerfahrung hatte er als Trainer keine.
Die Bayern entschieden sich für den Schwaben, und hatten dafür durchaus nachvollziehbare Gründe. Klinsmann galt als Motivator, spricht mehrere Sprachen, spielte in Frankreich, England und Italien - und er war Garant für neue, innovative Trainingsmethoden und attraktiven Angriffsfußball. Dass es nicht einfach werden würde mit einem wie Klinsmann, lag auf der Hand. In München hatte man ihm seinen Abschied von den Bayern und das Ausbooten Oliver Kahns noch nicht verziehen. Doch apropos Hand, alles was Klinsmann in der Vergangenheit anfasste, wurde von Erfolg gesegnet - und so dachte sich die Führungstroika des FCB, lasst den Klinsmann das mal machen - der ist erfolgsbesessen, ein akribischer Arbeiter, der schafft das schon.
Kein Ligaspiel, nicht mal ein Vorbereitungsspiel hatte er als Trainer absolviert, da schossen die Boulevard-Blätter bereits erste Salven ab (Stichwort: Buddha-Statuen). Für Klinsmann wurde es ein medialer Spießrutenlauf über die ganze Saison. Der Vorstand des FC Bayern ließ sich davon nicht beirren - kolpotierte wieder und wieder, Klinsmann sei der Richtige für den Job. Der Hurra-Fußball der ersten Wochen war gefällig - und anfällig! Irgendwann waren es dann zu viele
Spiele auf ein Tor, die trotz dieser Überlegenheit verloren gingen, und der Druck auf den Trainer wuchs. Klinsmann ruderte zurück - änderte die Taktik auf Hitzfeld'sche Defensivausrichtung. Ein Fehler, denn Jürgen Klinsmann konnte der Mannschaft ab diesem Zeitpunkt den Stempel von powervollen Offensivfußball der WM 2006 nicht mehr aufdrücken. Ja, er konnte ihr gar keinen Stempel mehr aufdrücken. Vielleicht hätten sie in einfach machen lassen sollen - wer weiß?
Die Führungsriege des FC Bayern hat den Umbruch hin zu einem neuen Niveau nicht kompromisslos genug unterstützt. Sie haben Forderungen gestellt - Meisterschaft sei das Ziel, und die Teilnahme am Viertelfinale der Champions League. Damit erzeugte man eine Erwartungshaltung, an der Klinsmann gemessen wurde. Anstatt ihm und der Mannschaft eine Saison ohne Zielformulierung, ohne Druck zuzugestehen, wollte man beides: Umbruch und Titel.
Gemessen wurde Klinsmann aber auch an seinen eigenen Aussagen, wie zum Beispiel der, "jeden Spieler jeden Tag ein bisschen besser zu machen". Gelungen ist es ihm nicht. Klinsmann sagte aber auch, dass er zwei oder mehr Jahre benötigt - das haben alle überhört. Die Stimmung gegen Klinsmann nahm bei einem Teil der Fans von Beginn an schon hysterische Züge an: Klinsmann will dem FC Bayern schaden! Ich habe das zu keinem Zeitpunkt nachvollziehen können, aber geschadet hat seine Verpflichtung dem Klub in jedem Fall.
Die Niederlagen mehrten sich, und desaströse Auftritte wie gegen Bremen, Hannover, Köln, Leverkusen oder Barcelona machten deutlich, wie unfertig und anfällig diese Mannschaft ist. Die Anfälligkeit hat auch die Vereinsführung mit zu verantworten, unterließ man es doch vor der Saison und auch in der Winterpause adäquates Personal zu beschaffen. Klinsmanns Fehler hierbei: Er glaubte, seine Mannschaft wäre stark genug - ein Irrglaube.
Um 17.20 Uhr am Samstagnachmittag war klar, die Ära Klinsmann beim FC Bayern ist nach nur 10 Monaten gescheitert.
Das wirtschaftliche Risiko letztlich nicht auf einem der Champions-League-Qualifikationsplätze zu landen ist zu groß geworden. Zu harmlos, zu ideenlos ließ die Mannschaft am Samstag gegen einen eher durchschnittlichen Gegner drei wichtige Punkte liegen. Ob es nun mit der Nachfolgeregelung für fünf Spiele gelingt, weiß niemand - aber so braucht man sich wenigstens nicht vorwerfen zu lassen, man hätte letztlich nicht alles versucht. Die Saison 2008/2009 ist - mit Titel oder ohne - eine verlorene Saison für den Verein. Der Imageschaden ist beträchtlich. Der Umbruch ist gescheitert - vorerst.
Zu Klinsmanns Ehrenrettung muss gesagt werden, dass sich einige Personalien im Laufe der Saison zu einem Fluch entwickelten: Lukas Podolski, dem die Lust fehlte für den FCB Einsatz zu zeigen - Schweinsteiger, der nach Vertragsverlängerung abbaute und abtauchte - die in der Vor-Saison noch starken Lell und Demichelis, die zu Schwachpunkten wurden - Verletzungen von Toni und Klose, die nicht kompensiert werden konnten - der lange Ausfall von Altintop, um nur einige zu nennen.
Klinsmann hat anscheinend, bei all dem Druck und Gegenwind zu Anfang der Hinrunde, auch der Mut verlassen, auf Nachwuchsleute wie Kroos (Mittelfeld), Badstuber (Innenverteidigung) oder Müller (Angriff) zu setzen. Verlieren können, hätte er dabei nichts.
Nun müssen die handelnden Personen des Vereins zeigen, dass sie lernfähig sind. Die erste Gelegenheit dazu haben sie bei der Wahl des neuen Trainers als Weichenstellung für die neue Saison - Heynckes und Gerland können und dürfen nur eine Übergangslösung sein.
Ich kann nur hoffen, dass jetzt nicht kübelweise schmutzige Wäsche gewaschen wird - das ist eines FC Bayern München nicht würdig.
Uli Hoeneß im Interview bei
Bayern3