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Sonntag, 30. August 2009

Gestern in der BayArena

Bayer Leverkusen vs VfL Bochum (2:1)
Erst wollte ich mich dankbar zeigen bei Herrn Wolfgang Holzhäuser für die Gratis-Karte zum gestrigen zweiten Heimspiel der Werkself gegen den VfL Bochum. Aber nach 90 Minuten wusste ich, dass war eher eine Bestrafung der besonderen Art.

Vor dem Spiel fühlte ich mich noch ganz wohl in der Umgriffebene vor Block B. Jede Menge Counter für Speisen und Getränke, überall reichlich Platz um zügig an Bier und Wurst zu kommen. Zum Bezahlen braucht man in Leverkusen entweder eine ArenaCard, die es gegen ein Pfand von 5 Euro aufzuladen gilt, oder man nutzt die CashCard-Funktion der eigenen EC-Karte, so diese denn eine hat. Ich zog Letzteres vor und staunte nicht schlecht, als der übellaunige Herr an einem dieser Counter mir erzählte das ginge nicht. Auch seine Kollegin wusste nichts davon, dass man die EC-Karte ebenso mit Guthaben aufladen kann. An Counter Zwei war das dann gar kein Problem - und so ging ich nochmal zurück und klärte die beiden Mitarbeiter auf. Man bedankte sich artig bei mir, für die Beseitigung des Informationsdefizits. Gern geschehen.

Zum Spiel:
Ach lassen wir das. Bayer glänzte im Auslassen bester Torchancen - gewann aber letztlich verdient, und Stefan Kießling traf zwar, aber zeigte auch warum man ihn immernoch als Chancentod einstufen darf, stimmt's Herr Löw?
Meine Sympathien galten natürlich den Bochumern, dessen Anhang eindeutig die bessere Stimmung in der BayArena verbreitete.
Mein Sitzplatz befand sich unter lauter Leichen - anders kann ich diese Menschen nicht bezeichnen. Mit Trikots und Schals ausgerüstet, saßen sie da - überall um mich herum- und machten .... NICHTS.
Keine Emotion, sieht man mal von dem Aufstehen und Klatschen nach Toren ab. Kein Geschrei, kein Schimpfen, kein Raunen - gar nichts! Auf einem Friedhof wäre durch die Gießkannen-Omis mehr Leben in der Bude gewesen, als in meinem Block und dem dazugehörigen Oberrang.
Ich verfolge Leverkusener Spiele nun schon seit der Aufstiegssaison im Jahre 1979. Früher war ich bei nahezu jedem Heimspiel, da ich Bundesliga-Fußball sehen wollte und die Eintrittskarte noch 5 Mark kostete. Wenn ich nicht gerade die Bayern begleitete, ging es also ins Haberland-Stadion. Mit dem schwachbrüstigen Anhang Bayer 04's bin ich also bestens vertraut. Nun dachte ich doch ernsthaft, es hätte sich in Leverkusen vielleicht etwas verändert. Mehr Fans, neues Stadion, mehr Stimmung. Nix da. Rein gar nichts. Selbst in München (da sieht's ja auch oft mau aus) ist weit mehr los als in der BayArena. Mit Fußball hat das jedenfalls nichts zu tun.
Um mich herum Junge wie Alte, den Unterschied bemerkte man aber wirklich nur an der Optik. Männer, die wie stumme Fische auf den Platz glotzten, begleitet von ihren aus verblendetem Lokalpatriotismus anwesenden Frauen. In Leverkusen kauft man sich einen Schal und eine Dauerkarte, kann aber die elf Protagonisten des eigenen Teams auf dem Platz nicht benennen - so ist das hier.
Natürlich gibt es auch echte Fans in LEV - Menschen, die mit Herz und Seele diesen Verein unterstützen und lieben. Aber die breite Masse geht hier eher aus Langeweile ins Stadion.

Halbzeitpause - ich versuche meinen Block zu verlassen. Dass das Ganze mich fast 10 Minuten kostet liegt daran, dass diese Leute ihr Flohmarkt-Schlendern anwenden, statt einfach raus zu gehen. Ich versuche auf die Toilette zu gelangen - unfassbar! So lange habe ich noch nie weder vor noch in einer Stadiontoilette verbracht. Eine Tür, durch die sich volle wie leere Blasen quetschen mussten. Vielleicht drei Meter Pissrinne - drei abschließbare Toiletten, zwei Waschbecken - das wars! Unglaublich - und für ein Stadion unzumutbar! Endlich fertig, beschließe ich für Halbzeit Zwei noch ein Bier mitzunehmen. Erneut Wartezeit ohne Ende am Getränke-Counter. Warum das so lange dauert, ist leicht erklärt: Die Bezahlkarten muss man in ein Gerät einführen, die Bezahlsumme auf der Digitalanzeige abwarten, auf einen Knopf drücken um die Summe zu bestätigen, die Bestätigung dieser Transaktion abwarten und dann seine Karte wieder entnehmen. Dieses Prozedere dauert einfach zu lange.
Apropos Toilette: Wer im Gästblock auf dem Oberrang weiblich ist und auf Toilette muss, der darf vier Stockwerke nach unten laufen und nach erledigtem Geschäft diese auch wieder nach oben klettern. Es gibt schlicht keine Damentoiletten dort.

Wieder zurück auf meinem Sitzplatz lief das Spiel natürlich längst. Es folgten die wohl schlimmsten 45 Minuten in einem Stadion, die ich bislang erlebt habe. Totentanz! Nix los. Gar nichts. Rein übehaupt nichts! Das Spiel war durchaus ansprechend, der Spielstand spannend, die Stimmung hingegen wie in einem Theater ... pssssssst! Bloß nicht laut sein! Keine Kommentare, keine Diskussionen - weder vor, hinter oder neben mir. Nix! Es war grausig.
Die Zuschauerzahl, die mit 27.000 durchgegeben wurde, brachte mich dann doch zum Lachen. Da hat man die Zahl der Anwesenden wohl ein wenig nach oben geschraubt - niemals waren das 27000 Menschen. Die Tribüne mir gegenüber war großflächig leer - auch im Oberrang. In Gladbach macht man das im Übrigen geschickter: Man korrigiert die Zuschauerzahl nach unten - das spart Steuern. Ungewohnt war auch, dass ich nur ein Mal ein Zwischenergebnis von den anderen Plätzen sah (Dortmund war's) - das muss versehentlich eingeblendet worden sein. Nix - gar nichts - keine Info aus den anderen Stadien. Gut, früher (hach, ich liebe das!) hat es diesen Service auch nicht gegeben. Da musste man artig auf die Durchsage des Stadionsprechers in der Halbzeit warten. Irritierend ist allerdings, dass man durch ein Geräusch (war es ein Klopfen?) regelmäßig die Aufmerksamkeit auf die Anzeigetafeln lenkt, um dann dort die Restspielzeit zu verkünden. Noch 50 Minuten - noch 30 Minuten - noch 5 Minuten. Hä?
Übrigens hieß es noch vor Wochen, die BayArena sei das einzige Stadion in der Bundesliga, in dem man durch die untere Umgriffebene um das Stadion herumgehen kann - so wie in Wembley damals. Das geht allerdings nicht, da man immer mal wieder durch ein verschlossenes Stahltor und Zäune gebremst wird, was dazu führt, dass man die angepriesene "Piazza" gar nicht besuchen kann. Die "Piazza" ist eine breitflächige Umgriffebene, auf der man sich verköstigen kann und auch nach dem Spiel Fernsehbeiträge verfolgen hätte sollen - nur wusste niemand von dem von mir befragten Personal wo diese "Piazza" ist. Später erfuhr ich dann, dass es auch keine Fernseher dort gibt. Aha.

Beim Schlusspfiff stehen die Lautlosen plötzlich auf und klatschen im Stakkato-Takt. Ich fass es nicht. Ich bin nun wirklich gern in Stadien, die BayArena ist für mich zu Fuß in 10 Minuten zu erreichen - und da das Stadion vielleicht drei Mal im Jahr ausverkauft sein wird, könnte ich mir wirklich regelmäßig BuLi-Fußball gönnen. Aber nicht dort. Nee, ohne mich. Das ist witzlos. Da ist ja auf meinem Sofa zuhause mehr los.


Korrektur:

Die "Piazza" ist während des Spiels zugänglich - die Tore werden unmittelbar nach Spielende geschlossen. Fernseher gibt es mittlerweile dort auch - Sorry, Irrtum von mir.

2 Kommentare:

jens [catenaccio] hat gesagt…

traurig...

Zechbauer hat gesagt…

Eigentlich könnte es mir ja am Arsch vorbeigehen - aber ich hab' mich gestern echt über die Leute geärgert. Was muss noch passieren (vorübergehende Tabellenführung, bester Saisonbeginn seit 10 Jahren)damit das Volk mal aus sich rausgeht?!
Stimmungsmäßig ist die Macht am Rhein ("...zwischen Wasserturm und Bayerwerk...") der FC - dann kommen Gladbach und Mainz.