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Sonntag, 19. April 2009

Am Zaun - 1985 in Braunschweig

In den letzten Tagen drehte sich in den Medien viel um die Fußballkatastrophe in Hillsborough 1989.
20 Jahre ist es her, als annähernd 90 Menschen starben, mehrere hundert verletzt und viele, die damals dabei waren, für ihr Leben traumatisiert wurden. Hillsborough war eine Zäsur im Umgang mit den Fans und auch im Hinblick auf Sicherheitsbestimmungen in englischen, und in der Folge auch in europäischen Fußballstadien. Wenn ich die Bilder von damals sehe, muss ich an die Meisterschaft 1985 denken.

Im Mai 1985 starben beim Finale im Europacup der Landesmeister im Brüsseler Heyselstadion 39 Menschen. Sie wurden zerdrückt. Im Juni des gleichen Jahres verlagerte sich die Entscheidung der Deutschen Fußballmeisterschaft auf den letzten Spieltag. Der FC Bayern lag mit 2 Punkten (nach der alten zwei-Punkte-Regel) und 2 Toren vor Werder Bremen, und musste zur Eintracht nach Braunschweig. Werder Bremen musste nach Dortmund, wo die Borussia noch Gefahr lief in die Relegation zu rutschen.

Strahlender Sonnenschein, brütende Hitze, und rund um das Stadion an der Hamburger Straße sammelten sich zahllose Bayern-Fans, um eine weitere Deutsche Meisterschaft erleben zu dürfen. Die erste Halbzeit war wenig berauschend - zwar hätte den Bayern ein Punkt gereicht, Voraussetzung zum Titelgewinn war in diesem Fall jedoch, dass Bremen in Dortmund nicht gewinnt. Auf beiden Plätzen stand es zur Halbzeit 0:0. Den Bayern war eine gewisse Verkrampftheit anzumerken, bis Dieter Hoeneß in der 49. Minute das erlösende 1:0 erzielt. Die Stimmung kochte hoch. Als Bremen in der 56. Minute mit 1:0 in Rückstand gerät, präparieren sich alle um uns herum zum Sturm auf's Spielfeld - was damals. noch weitestgehend üblich war Ein ungutes Gefühl machte sich breit. Der Druck der Nachrückenden von oben wird immer größer. Wir stehen plötzlich direkt am Zaun. Der Druck von oben hatte uns an die Gitter gepresst. Das Braunschweiger Stadion war damals mit dem Begriff "baufällig" schmeichelhaft umschrieben, an Wellenbrecher kann ich mich nicht erinnern. Die Hitze hatte bereits im Laufe des Spiels einige Opfer gefordert - immer wieder wurden Anhänger mit Kreislaufproblemen von den Sanitätern aus der Kurve getragen.

Das Schieben und Drücken wurde immer stärker. Wir hatten Mühe uns auf den Beinen zu halten. Eingepfercht zwischen Körpern, stemmten wir uns mit aller Kraft gegen den Zaun. Die Bilder erstickender Menschen aus Brüssel noch vor Augen, machte sich Panik breit. Ich wollte da raus - nur noch raus! Irgendwann kam dann Paul Breitner an den Zaun und forderte wild gestikulierend die Fans auf, zurück zu weichen, und den Zaun nicht weiter zu verbiegen. Das tat nach einer endlos dauernden Weile seine Wirkung. Der Druck ließ ein wenig nach und die Fans wichen zurück. Wir drängten uns mit ganzem Körpereinsatz durch die Massen und verließen fluchtartig das Stadion. Dort blieben wir - etwas ramponiert, verschwitzt und erleichert - bis die Situation sich entspannte. Kurz vor Spielende dann die Nachricht vom 2:0 der Dortmunder - Bayern ist Meister! Ich weiß was mich damals mehr erleichterte, der Titelgewinn war es nicht, sondern die Tatsache aus diesem Menschenpulk noch einmal unversehrt herausgekommen zu sein. Als ich vier Jahre später die Bilder aus Sheffield sah, konnte ich halbwegs nachempfinden in welch' furchtbarer Lage sich diese Menschen dort befunden haben, und welch' unbarmherzige Kraft eine Masse von Menschen in Bewegung hat. Wenn ich die Bilder von Hillsborough sehe, muss ich immer auch an Braunschweig 1985 denken - und an das Gefühl vor diesem Zaun.