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Donnerstag, 12. März 2009

Made in England

Bei meinen ersten Stadionbesuchen trug ich einen von meiner Mutter gestrickten rot-weißen Schal. Der Schal war, wenn man ihn ausbreitete, länger als ich, und das "Weiß" sah irgendwie schmutzig aus, so als hätte das gute Stück dringend eine intensive Reinigung nötig. Der Schal war das einzig sichtbare Zeichen an mir, für welchen Klub mein 10-jähriges Herz schlug. Und das auch nur dann, wenn der Gegner nicht auch gerade Rot und Weiß als Vereinsfarben hatte.

Einige Jahre später hatten wir uns dann Bundeswehr-Feldjacken zu "Westen" umfunktioniert und mit einer Vielzahl von Aufnähern besetzt. In der Rückenmitte ein tellergroßes Vereinswappen, und drumherum jede Menge phantasievolle Bekundungen für den eigenen Verein und gegen die Klubs, die man nicht mochte oder mögen durfte. Noch cooler waren natürlich Aufnäher von Klubs aus den englischen Ligen - je exotischer, desto beeindruckender. Damals gab es auf und nahe der Hohe Straße in Köln noch einige Geschäfte, die ausschließlich Fußballdevotionalien - meist aus England - zum Verkauf anboten. Wir waren dort Wochenende für Wochenende Stammkunden und stöberten nach Schals und Aufnähern von Coventry City oder West Bromwich Albion.

Mitte der Achtziger kam dann von der Insel ein neuer Trend in die deutsche Liga, den wir allzu bereitwillig adaptierten: Man ging plötzlich in zivil zum Fußball - und zwar in teuer zivil. Leichte Blousons, darunter Sweater; Markenware, die englische Hooligans trugen - und als einzig sichtbares Zeichen der Vereinszugehörigkeit trug man einen Schal - ohne Schriftzug oder Wappen, nur in den Vereinsfarben. Die Art wie der Schal geknotet sein musste kam - natürlich! - von der Insel. Das Schuhwerk, Turnschuhe, wurde etwas später von englischen Docs abgelöst.
Der zivile Charakter des Outfits hatte natürlich für Hooligans den unbestreitbaren Vorteil die Polizei zu verwirren - konnte man doch die verfeindeten Fangruppen nun nicht mehr ohne Weiteres zuordnen. Die anderen, die mit den Westen, wurden verächtlich "Kutten" genannt und wirkten wie Relikte aus einer anderen Zeit.

Aber auch dieser Trend ging irgendwann zu Ende - und wurde - wie kann es anders sein - durch eine neue Fußballmode aus dem Mutterland dieses Sports abgelöst: das Tragen von Trikots galt und gilt noch als das am Häufigsten gewählte Fußball-Outfit in den Stadien. Die Klubs witterten zu Recht ein üppiges Geschäft und boten nun nicht nur zur neuen Saison, sondern auch für Heim- und Auswärtsspiele oder den Europapokal neue Trikots an. Eine ganze Generation von Fußballanhängern entwickelte sich zu eifrigen Trikot-Sammlern.

Die nach dem Jahrtausendwechsel in Deutschland neu entstandene Ultra-Szene bevorzugt lieber einen eigenen Stil: wahlweise im Autonomen-Look mit schwarzen Kapuzenjacken, oder eben in Vereinsfarbe mit selbst entworfenen Slogans und Motiven. Man kann darüber streiten, ob dieser Modetrend wie die Ultra-Bewegung eher aus Italien oder doch von britischen "thugs" übernommen wurde.

Jede Fußballmode hatte seine Zeit, seine Ära - nur die Kuttenträger, die gibt es immer noch. Und die "Kutten" waren eine rein deutsche Erfindung.