Follow by Email

Dienstag, 24. Februar 2009

Gendefekt

Ich stöberte den ganzen Montagvormittag in diversen Foren, auf Blogs und natürlich quer durch die ganze Zeitungslandschaft, las Artikel für Artikel, Foreneinträge und Blog-Kommentare über den FC Bayern und die Ursachenforschung für die Niederlage gegen den FC Köln am Samstag.

Es liegt an Klinsmann, gern auch despektierlich "Grinsi" oder "der Bäcker" genannt / es liegt an der Vereinsführung, die JK vorgibt, wie er denn nun taktisch zu spielen habe / es liegt wieder an Klinsmann, der sich von der Bayern-Führung gängeln ließ und seine taktische Ausrichtung änderte /es liegt an der Abwehr / am Defensivverhalten / es liegt an der zu offensiven Ausrichtung - und somit wieder an Klinsmann / es liegt an einer verfehlten Einkaufspolitik vor der Saison / es liegt an der Formschwäche diverser Bayern-Spieler / es liegt an der mangelnden Chancenausnutzung der Bayern-Stürmer / es liegt an diversen Fehlentscheidungen / et cetera...

Fakt ist, Bayern - sonst eiskalt im Ausnutzen schwächelnder Konkurrenten - weiß die Möglichkeiten zur Tabellenführung wiederholt nicht zu nutzen. Ganz im Gegensatz dazu agiert der HSV - nicht wirklich auf einem Niveau von Spitzenklasse - sehr effektiv. Die neuen Hamburger spielen ein wenig wie die alten Bayern: nicht schön, aber siegreich. Es ist fast so, als hätte Bayern das berühmt-berüchtige Bayern-Gen nicht mehr. Ein Gendefekt also.
Da frage ich mich erstens: will ich wirklich den alten Bayern-Fußball zurück, der lediglich durch seine - wie ein schweizer Uhrwerk zuverlässige - Effizienz glänzen konnte?, und zweitens: sind vier Punkte hinter dem Tabellenersten wirklich schon eine Krise? Zu beiden Punkten ganz klar: Nein.
Ich will ansehnlichen Offensivfußball, eine drückende und stürmende Mannschaft. Was ich nicht will ist, dass sie dabei ins Verderben rennen. Ich glaube das große Krisengerede ist wieder mal potenziert, durch die mediale Gewichtung des Klubs Bayern München. Und dennoch: die Warnsignale erfordern dringend Handlungsbedarf, sonst wird die nächste Saison wieder ein Jahr Stagnation.
Was die derzeitige Konstellation in der Liga angeht sind vier Punkte Rückstand auf Platz Eins bei noch ausstehenden 13 Partien nicht wirklich dramatisch.

Ich hab's vielleicht bei Breitnigge gelesen - oder in einem anderen Blog, aber jemand schrieb dort: Saison abhaken und die Weichen für die Zukunft stellen - besser keinen Titel, aber dafür viele kleine richtige Schritte in Richtung zukünftigen, beständigen Erfolg. Und genau das ist jetzt notwendig!

Nach den Einkäufen Ribéry, Toni, Klose, hat man es versäumt die Mannschaft auf ähnlich hohem Niveau zu ergänzen. Sparsamkeit war plötzlich wieder Trumpf. Doch es zeigt sich, dass es qualitativ hier und da einfach klemmt (Lell, Oddo, Donovan, Borowski, Sosa, Breno), und dass Schlüsselpositionen nicht ausreichend oder nicht auf Weltklasse-Niveau besetzt wurden. Dazu hätte man erneut viel Geld zur Hand nehmen müssen. Mit Tymoschtschuk hat man so jemanden fürs Mittelfeld gefunden - aber der kommt erst zum Sommer 2009. Es fehlt im Sturm (zu wenig Stürmer, zu wenig Qualität in der zweiten Reihe), und es fehlt ein guter Außenverteidiger auf der rechten Seite. Damit müssen wir jetzt leben - zumindest für den Rest dieser Saison - danach aber muss investiert werden, will man endlich im Konzert der Großen mitspielen.

Was die Taktik angeht, hat man Klinsmanns Ideen dem kurzfristigen Erfolg bzw. wegen kurzfristiger Erfolgslosigkeit geopfert. Fehler! Man hätte wissen müssen was man tut, wenn man Jürgen Klinsmann damit beauftragt, dem FC Bayern ein neues Konzept einzuhauchen, das modernen Fußball erfolgreich und schön zugleich praktizieren lässt. Keinesfalls aber hätte man im Vorfeld Titel fordern dürfen - nicht für die Saison 2008/2009 - und somit den Druck etwas herausnehmen müssen. Die Bayern-Führung, wie wir Fans, wollten beides: jetzt bekommen wir schlimmstenfalls gar nichts.
Ein Scheitern ausnahmslos an Klinsmann festmachen zu wollen, hat eher etwas mit persönlicher Antipathie oder Voreingenommenheit zu tun, wird dem eigentlich Vorhaben aber nicht gerecht. Wenn das Projekt Klinsmann scheitert, dann ist auch die Bayern-Führung gescheitert.

Selbstredend hat JK Fehler gemacht (Van Bommel war einer, oder Sepp Meier, oder auch Donovan). Aber wenn man Fehler des Trainers hätte vermeiden oder ausschließen wollen, dann hätte man auch keinen jungen Trainer engagieren dürfen (auch keinen Jürgen Klopp als Alternative).
Den größten Fehler aber macht die Führung des Klubs, wenn sie sich von den Medien unter Druck setzen lässt. Bestimmte Äußerungen von Rummenigge oder Beckenbauer tragen keinesfalls dazu bei, das Krisengerede und die Anti-Klinsmann-Liga ins Leere laufen zu lassen. Es trägt höchstens zur Verunsicherung der Mannschaft bei. Und es liefert den Spielern auch einen Vorwand schlechte Leistungen an der Taktik festmachen zu wollen. Eine Mannschaft mit Herz, Leidenschaft und Kampfeswillen ist auch in der Lage individuelle Schwachpunkte oder taktische Defizite auszugleichen. Gegen Köln war davon nichts zu sehen - höchstens beim Gegner, denn der hat gezeigt wie es geht.

Für die nächsten Wochen kann es nur eine Devise geben: Schnauze halten! - Geht's raus und spuilts Fußball!


1 Kommentare:

elmarinho hat gesagt…

Ah, danke für einen angenehm unaufgeregten Artikel, der mal zur Abwechslung nicht den Trainer ins hauptsächliche Visier nimmt.