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Donnerstag, 13. November 2008

Gladbach

Am Samstag spielen die Bayern im Mönchengladbacher Borussia-Park, und zu meiner großen Freude bin ich live dabei.

Die Konstellation ist übersichtlich: Gladbach - schwach in die Saison gestartet - gilt als klarer Außenseiter - die Bayern nunmehr seit fünf Spielen in Folge siegreich und auf Herbstmeisterkurs.

Nun könnte man die üblichen Plattitüden absondern, und gebetsmühlenartig davor warnen, wie gefährlich gerade solche Gegner (die, mit dem Rücken zur Wand) sind - aber von diesen Teams hatten die Bayern nun auch schon einige, und gegen Karlsruhe, Frankfurt und Bielefeld waren die Bayern jeweils siegreich. Dies wird sich meiner Meinung nach auch am Samstag nicht anders verhalten, daher mein Tipp:
Gladbach 0 - Bayern 2

Denk' ich an Gladbach, denk' ich an die Deutsche Meisterschaft 1986 und an eine der spektakulärsten Bayern-Titelgewinne. Es war der 26. April und im Rheinland waren die Temperaturen noch recht frisch, so fuhren wir gut eingepackt in Trikot, Pullover und wetterfester Jacke in die bayerische Landeshauptstadt. Die Saison war eindeutig von Werder Bremen bestimmt worden, einzig der verschossene Elfer von Michael Kutzop im Heimspiel gegen die Bayern am vorletzten Spieltag, verschob die Titelentscheidung doch noch auf den letzten. Die Bayern standen bis dato nicht an einem einzigen der 33 Spieltage auf Platz Eins. Die Bremer mussten nach Stuttgart, was damals keineswegs so kritisch war, wie man das vielleicht heute einschätzen würde. Werder war haushoher Favorit. Bayern musste ohnehin siegen, um wenigstens noch eine Chance in Sachen Titelgewinn zu haben. Kurzum: Stolpert Bremen und verliert, könnte Bayern noch Meister werden. Ein Unentschieden aber, würde den Bremern zum Titelgewinn reichen.

Wir saßen also im Zug nach München und waren nicht wirklich optimistisch. Bei jedem Schluck Bier, stießen wir auf die "kleine Chance" an. So wurde das "Prost" durch "auf die kleine Chance" ersetzt.
In München angekommen, machten wir uns auf den Weg in den Olympia-Park - es war brüllend heiß. Wir krochen erschöpft die begrünten Hügel hoch, und beäugten die Ströme von Zuschauern vor'm Olympiastadion. In der Südkurze standen wir dann - viel zu dick angezogen - eingepfercht zwischen den anderen Bayern-Fans, und ließen uns von der Nachmittagssonne braten.

Es ging gut los, die Bayern gingen bereits in der 1. Minute durch Lothar Matthäus in Führung. Und überhaupt spielte der FCB - wie von der Tarantel gestochen - die Gäste aus Gladbach an die Wand. Nach 22 Minuten dann plötzlich ein Gong, alles starrte auf die Ergebnistafel, und ja! Stuttgart führt 1:0 durch einen Treffer von Allgöwer! Dennoch wusste jeder, dass - wenn alles normal läuft - Bremen früher oder später ausgleicht. Von da an brandeten im Olympia-Stadion immer wieder "Stuttgart! Stuttgart!"-Rufe auf. Etwas befremdlich zwar, aber wenn's hilft.

24 Minuten nach dem ersten Bayern-Treffer erhöhte Hoeness dann auf 2:0 und alles lief nach Plan. Die Bayern erfüllten ihren Teil, waren aber nach wie vor angewiesen auf ein Scheitern der Bremer. Viel interessanter als das Treiben auf dem Platz war daher das, was in Stuttgart geschah. Und so starrte das Stadion, gefüllt mit 70.000 Zuschauern, wieder und wieder auf die Anzeigentafel, um zu erfahren, was zwischen dem VfB und Werder passierte. Dann war Halbzeit.

Nach dem Wiederanpfiff dann Tore im Zehnminutentakt: Erst Wohlfarth in der 48-sten, dann wieder Dieter Hoeness in der 58. Spielminute, und den fünften Bayern-Treffer in der 64-sten durch Reinhold Mathy. So gut die Bayern auch spielten, was auf dem Münchner Rasen passierte interessierte niemanden mehr, der Drops war gelutscht - viel wichtiger war das zwischenzeitliche 2:0 - erneut durch Karl Allgöwer - für den VfB Stuttgart! Die Sensation wurde plötzlich realistischer.
Die letzten Minuten wurden dann ein spannungsgeladener Albtraum: In der 79. Minute der Anschlusstreffer für Werder durch Burgsmüller - noch ein Tor für Werder, und der Traum ist ausgeträumt. In der 80. Minute dann Treffer Nummer Sechs durch Wohlfarth - das halbe Dutzend gegen Gladbach war voll.
70.000 Menschen starrten auf die Anzeigentafel, und man hätte eine Stecknadel im Olympiastadion fallen hören können - eine unglaubliche Szenerie! Jeder starrte auf die Tafel, und wartete. Bis plötzlich die Einblendung uns alle erlöste: Das Spiel in Stuttgart war aus! Deutscher Meister war der FC Bayern München! Bremen hatte tatsächlich verloren. Bis auf die Gladbacher Gästefans schien jeder im Stadion seine Erleichterung herauszuschreien. Es war die Hölle los!
Damals hatte ich das Ganze für eine sehr glückliche Fügung gehalten. Heute - viele Jahre später - weiß ich, dass letztlich derjenige triumphiert, der bis zur allerletzten Sekunde die dicksten Eier hat. Und das war in der Saison 1985/86 der FC Bayern München - am letzten Spieltag, gegen Gladbach.