Krawalle in Lübeck, Schiedsrichterhatz bei Mannheim, Randale in ostdeutschen Stadien, Wochenende für Wochenende Flaschenwürfe und Zoff in deutschen Bahnhöfen. Wer glaubt, dass Ausschreitungen rund um den Profi-Fussball der Vergangenheit angehören, der täuscht sich gewaltig. Gerade in den unteren Ligen und im Amateurbereich gehört Gewalt zum Spieltag.
Aus gegebenem Anlass hier noch Mal der bereits auf cox orange veröffentlichte Text zu den Geschehnissen von Heysel im Jahre 1985.
Die Sonne strahlte am frühen Abend des 29. Mai 1985 durch die Arbeitersiedlung in der ich damals mit meinen Eltern wohnte. Es war ein wunderschöner Frühsommerabend, und in die warme Abendluft mischte sich die wachsende Aufregung und Unruhe vor dem großen Ereignis. Wir wollten das Spiel sehen. Jeder wollte das Spiel sehen. Zumindest jeder, dem Fußball etwas bedeutete. Man sprach sich ab, wo man sich zu treffen gedachte, um zwei der bedeutendsten europäischen Vereinsmannschaften vor dem Fernseher zu sehen. Juventus gegen Liverpool! Niemand von uns ahnte, dass dieser Abend den Fußball und auch uns verändern würde. Niemand wusste zu diesem Zeitpunkt, dass das Ergebnis des Spiels an diesem Abend jegliche Bedeutung verlieren würde.
Bereits eine Stunde vor Anpfiff fingen die Anhänger von Juventus an, die Polizisten im Stadion mit Steinen und Leuchtraketen zu gefährden. Die "Red Animals" aus Liverpool antworteten mit Schmähgesängen und bengalischen Feuern. Schließlich stürmten zwei Juventus-Fans den Rasen. "Sowohl Polizei als auch Gendarmerie bestätigten mir, dass das Verhalten der italienischen Fans bis dahin schlimmer war als das der englischen", schrieb Richter Sir Justice Popplewell, von Margaret Thatcher beauftragt den Hergang dieses Abends zu klären, nüchtern in seinen Bericht.
Ich war achtzehn Jahre alt. Aggressiv, gelangweilt, unreif. Unsere Samstage bestanden daraus sich bereits vormittags auf den Weg in fremde Stadien zu machen, uns in den Innenstädten deutscher Metropolen zu sammeln, Aufmerksamkeit auf uns zu ziehen und unser Spiel zu spielen. Ein Räuber-und-Gendarm-Spiel. Ein Spiel als Flucht aus dem Alltag, als Freizeitspaß mit viel Adrenalin und Legendenbildung. Man traf sich, hörte die neuesten Geschichten des vergangenen Wochenendes, Gerüchte und Beschönigungen. Und wir warteten. Wir warteten auf den Gegner - die Fans der anderen Mannschaft. Das Spiel begann, und sobald die Polizei einen Fehler machte – und sie machte damals viele Fehler – ging’s los. Die Aufregung, die Spannung, die angestaute Nervosität entlud sich. Plötzlich, ohne Vorankündigung lief man laut und bedrohlich los. Die dritte Halbzeit begann, bevor die erste angepfiffen worden war.
Ich weiß nicht mehr, wo ich mir das Spiel ansah. Aber ich war spät dran… es hätte bereits schon begonnen haben müssen, und ich wunderte mich als ich den Ball noch nicht rollen sah. Stattdessen sah ich diese verstörenden Bilder, die weltweit in die Wohnzimmer übertragen wurden.
Um Viertel vor acht war es soweit. Angestachelt von den Provokationen versuchten mehrere hundert Fans des FC Liverpool, den benachbarten Block zu stürmen. Doch hier, im Block Z, standen vor allem italienische Familienväter und Gastarbeiter - ihre Tickets hatten sie auf dem Brüsseler Schwarzmarkt gekauft. Die Fans aus Liverpool interessiert das wenig: Im dritten Anlauf schaffen sie es, den maroden Stahldraht zu durchbrechen. Die flüchtenden Juventus-Fans geraten in Panik. Die Mauer, gegen die sie drücken, fällt wenige Minuten später zusammen - unter ihr begraben liegen die meisten der 39 Opfer.
39 Tote, darunter 32 Italiener – Kinder, Frauen, Familienväter – erstickt, zerdrückt, zertrampelt. 400 Verletzte.
Diesen Menschen in ihrem Todeskampf zusehen zu müssen war die eine Sache, eine ganz andere war sich indirekt dafür verantwortlich zu fühlen. Wir wussten was passiert war. Die Reporter, Polizisten, so genannte Experten der Medien hatten keine Ahnung. Wir wussten es. Jeder von uns. Denn wir waren ein Teil dieses Desasters.
Das Grollen der zusammenbrechenden Betonwand ist bis in die Kabinen zu hören. Während die ersten Toten und Verletzten abtransportiert werden, warten die Fußballer in der Umkleide auf ein Zeichen des Schiedsrichters. Minutiös beschreibt Platini in seiner Biographie die Sekunden bis zum Anpfiff. "Um 20 Uhr kommt ein Vertreter des Europäischen Fußballverbands in die Umkleide. Er fragt uns: Seid ihr bereit zu spielen? Einige Spieler verneinen. Er dreht sich zu ihnen und sagt: Wenn ihr nicht spielt, gibt es da draußen nicht dreißig Tote, sondern hundert." Mit seinen Kollegen lief Platini zu dem Block, in dem die Mauer zusammengebrochen war, und sprach mit den Fans. Als er zurückkehrte, klangen ihre Bitten wie ein Echo in seinem Kopf. "Spielt nicht! Denkt an die Toten!"
„…(Brian Glanville berichtet in seinem Buch CHAMPIONS OF EUROPE, die belgische Polizei habe sich gewundert, dass die Gewalttätigkeiten losgingen, bevor das Spiel anfing, wo doch ein einfacher Telefonanruf bei irgendeiner großstädtischen Polizeiwache in England genügt hätte, das richtig zu stellen), ein lächerlich baufälliges Stadion, eine bösartige Clique gegnerischer Fans und bemitleidenswert armselige Planung durch die relevanten Fußballfunktionäre …“
Wir sahen das Spiel bis zum Schluss an. Aber es war keinen Blick wert. Das Ergebnis interessierte niemanden mehr. Die Krone der europäischen Vereinsmannschaften, der Landesmeister-Pokal, er war an diesem Abend wertlos. Der Sieger bedeutungslos. Ich schämte mich.
Nach dem Elfmeter wandte sich Michel Platini einfach ab. Ohne Jubel. Es war in der 55. Minute des Europapokalfinals zwischen Juventus Turin und dem FC Liverpool, als der Franzose den entscheidenden Strafstoß zum 1:0 für Turin verwandelte. Für Platini war der Abend des 29. Mai 1985 der furchtbarste seiner Karriere, "Du bist Kind und siehst Ajax und Bayern den Europacup gewinnen. Und dann bist du Spieler, und sie geben dir diesen Pokal in der Umkleide. Du kommst dir betrogen vor, dafür bin ich nicht Fußballer geworden".
Aus gegebenem Anlass hier noch Mal der bereits auf cox orange veröffentlichte Text zu den Geschehnissen von Heysel im Jahre 1985.
Die Sonne strahlte am frühen Abend des 29. Mai 1985 durch die Arbeitersiedlung in der ich damals mit meinen Eltern wohnte. Es war ein wunderschöner Frühsommerabend, und in die warme Abendluft mischte sich die wachsende Aufregung und Unruhe vor dem großen Ereignis. Wir wollten das Spiel sehen. Jeder wollte das Spiel sehen. Zumindest jeder, dem Fußball etwas bedeutete. Man sprach sich ab, wo man sich zu treffen gedachte, um zwei der bedeutendsten europäischen Vereinsmannschaften vor dem Fernseher zu sehen. Juventus gegen Liverpool! Niemand von uns ahnte, dass dieser Abend den Fußball und auch uns verändern würde. Niemand wusste zu diesem Zeitpunkt, dass das Ergebnis des Spiels an diesem Abend jegliche Bedeutung verlieren würde.
Bereits eine Stunde vor Anpfiff fingen die Anhänger von Juventus an, die Polizisten im Stadion mit Steinen und Leuchtraketen zu gefährden. Die "Red Animals" aus Liverpool antworteten mit Schmähgesängen und bengalischen Feuern. Schließlich stürmten zwei Juventus-Fans den Rasen. "Sowohl Polizei als auch Gendarmerie bestätigten mir, dass das Verhalten der italienischen Fans bis dahin schlimmer war als das der englischen", schrieb Richter Sir Justice Popplewell, von Margaret Thatcher beauftragt den Hergang dieses Abends zu klären, nüchtern in seinen Bericht.
Ich war achtzehn Jahre alt. Aggressiv, gelangweilt, unreif. Unsere Samstage bestanden daraus sich bereits vormittags auf den Weg in fremde Stadien zu machen, uns in den Innenstädten deutscher Metropolen zu sammeln, Aufmerksamkeit auf uns zu ziehen und unser Spiel zu spielen. Ein Räuber-und-Gendarm-Spiel. Ein Spiel als Flucht aus dem Alltag, als Freizeitspaß mit viel Adrenalin und Legendenbildung. Man traf sich, hörte die neuesten Geschichten des vergangenen Wochenendes, Gerüchte und Beschönigungen. Und wir warteten. Wir warteten auf den Gegner - die Fans der anderen Mannschaft. Das Spiel begann, und sobald die Polizei einen Fehler machte – und sie machte damals viele Fehler – ging’s los. Die Aufregung, die Spannung, die angestaute Nervosität entlud sich. Plötzlich, ohne Vorankündigung lief man laut und bedrohlich los. Die dritte Halbzeit begann, bevor die erste angepfiffen worden war.
„Das ganze Jahr 1985 hindurch war der Fußball unaufhaltsam auf etwas Derartiges zugesteuert. Es gab die erstaunlichen Ausschreitungen bei der Partie Luton gegen Millwall in Luton, als die Polizei in die Flucht geschlagen wurde, und die Dinge schienen weiter zu gehen als je zuvor in einem englischen Fußballstadion (zu der Zeit plante Mrs. Thatcher ihr unsinniges Ausweissystem); es gab auch die Ausschreitungen beim Spiel Chelsea gegen Sunderland, als Chelseafans das Spielfeld stürmten und Spieler attackierten. Diese Vorfälle ereigneten sich innerhalb weniger Wochen, und die waren nur das Beste vom Besten. Heysel stand bevor, so unvermeidlich wie Weihnachten.“
[Nick Hornby, Fever Pitch]
Ich weiß nicht mehr, wo ich mir das Spiel ansah. Aber ich war spät dran… es hätte bereits schon begonnen haben müssen, und ich wunderte mich als ich den Ball noch nicht rollen sah. Stattdessen sah ich diese verstörenden Bilder, die weltweit in die Wohnzimmer übertragen wurden.
Um Viertel vor acht war es soweit. Angestachelt von den Provokationen versuchten mehrere hundert Fans des FC Liverpool, den benachbarten Block zu stürmen. Doch hier, im Block Z, standen vor allem italienische Familienväter und Gastarbeiter - ihre Tickets hatten sie auf dem Brüsseler Schwarzmarkt gekauft. Die Fans aus Liverpool interessiert das wenig: Im dritten Anlauf schaffen sie es, den maroden Stahldraht zu durchbrechen. Die flüchtenden Juventus-Fans geraten in Panik. Die Mauer, gegen die sie drücken, fällt wenige Minuten später zusammen - unter ihr begraben liegen die meisten der 39 Opfer.
39 Tote, darunter 32 Italiener – Kinder, Frauen, Familienväter – erstickt, zerdrückt, zertrampelt. 400 Verletzte.
Diesen Menschen in ihrem Todeskampf zusehen zu müssen war die eine Sache, eine ganz andere war sich indirekt dafür verantwortlich zu fühlen. Wir wussten was passiert war. Die Reporter, Polizisten, so genannte Experten der Medien hatten keine Ahnung. Wir wussten es. Jeder von uns. Denn wir waren ein Teil dieses Desasters.
„Es war am Ende eine Überraschung, dass diese Tode von etwas so Harmlosen wie dem >>Rennen<<“ verursacht wurde, dem Brauch, dem die Hälfte der Jugendlichen in diesem Land frönte, und der eigentlich keinen anderen Sinn hatte, als die Gegenseite zu erschrecken und die Renner zu amüsieren. Die Fans von Juventus - viele davon elegante Männer und Frauen aus der Mittelschicht - konnten das allerdings nicht wissen, und warum sollten sie das auch tun? Sie hatten nicht das komplizierte Wissen um das Verhalten englischer Zuschauermassen, das wir andere, fast ohne es zu merken, aufgenommen haben. Als sie einen Haufen brüllender, englischer Hooligans auf sich zustürmen sahen, gerieten sie in Panik und liefen zum Rand ihres Blocks.
[Nick Hornby, Fever Pitch]
Das Grollen der zusammenbrechenden Betonwand ist bis in die Kabinen zu hören. Während die ersten Toten und Verletzten abtransportiert werden, warten die Fußballer in der Umkleide auf ein Zeichen des Schiedsrichters. Minutiös beschreibt Platini in seiner Biographie die Sekunden bis zum Anpfiff. "Um 20 Uhr kommt ein Vertreter des Europäischen Fußballverbands in die Umkleide. Er fragt uns: Seid ihr bereit zu spielen? Einige Spieler verneinen. Er dreht sich zu ihnen und sagt: Wenn ihr nicht spielt, gibt es da draußen nicht dreißig Tote, sondern hundert." Mit seinen Kollegen lief Platini zu dem Block, in dem die Mauer zusammengebrochen war, und sprach mit den Fans. Als er zurückkehrte, klangen ihre Bitten wie ein Echo in seinem Kopf. "Spielt nicht! Denkt an die Toten!"
„…(Brian Glanville berichtet in seinem Buch CHAMPIONS OF EUROPE, die belgische Polizei habe sich gewundert, dass die Gewalttätigkeiten losgingen, bevor das Spiel anfing, wo doch ein einfacher Telefonanruf bei irgendeiner großstädtischen Polizeiwache in England genügt hätte, das richtig zu stellen), ein lächerlich baufälliges Stadion, eine bösartige Clique gegnerischer Fans und bemitleidenswert armselige Planung durch die relevanten Fußballfunktionäre …“
„Ich denke, das ist der Grund, warum ich mich der Ereignisse jenes Abends dermaßen schämte. Ich wusste, dass Arsenalfans möglicherweise das gleiche getan hätten und dass ich ganz sicher dort gewesen wäre, wenn an jedem Abend Arsenal in Heysel gespielt hätte – nicht kämpfend oder auf Leute zu rennend, aber eindeutig ein Teil der Gemeinschaft, die diese Art von Verhalten hervorbrachte. Und jeder, der den Fußball einmal für das benutzt hat, für das er bei zahllosen Anlässen benutzt wird, nämlich um den aufregenden Anflug des Tierischen zu spüren, der sich unweigerlich auf einen derart gesinnten Zuschauer überträgt, muss sich gleichfalls geschämt haben. Denn der tatsächlich entscheidende Punkt an der Tragödie war: Fußballfans konnten Fernsehberichte über, sagen wir mal, die Ausschreitungen beim Spiel Luton gegen Millwall oder den Messerstich bei der Partie Arsenal gegen West Ham ansehen und ein Gefühl des grausigen Entsetzens zu empfinden, ohne sich wirklich verbunden oder betroffen zu fühlen. Die Täter waren nicht die Art von Menschen, die wir anderen verstanden, oder mit denen wir uns identifizierten. Aber der Kinderkram, der sich in Brüssel als mörderisch erwies, gehörte eindeutig zu einem Kreis von offensichtlich harmlosen, aber ganz klar bedrohlichen Handlungen – laute Gesänge, ausgestreckte Mittelfinger, das ganz Harter-Mann-Getue -, denen sich eine sehr große Minderheit der Fans fast zwanzig Jahre hingegeben hatte. Heysel war kurz gesagt, ein organischer Teil einer Kultur, zu der viele von uns, ich inbegriffen, beigetragen hatten. Du konntest diese Liverpoolfans nicht ansehen und dich fragen (so, wie du es bei den Millwallfans in Luton oder den Chelseafans beim Ligapokalspiel gekonnt hättest): >>Wer sind diese Leute?<<; du kanntest sie bereits.“
[Nick Hornby, Fever Pitch]
Wir sahen das Spiel bis zum Schluss an. Aber es war keinen Blick wert. Das Ergebnis interessierte niemanden mehr. Die Krone der europäischen Vereinsmannschaften, der Landesmeister-Pokal, er war an diesem Abend wertlos. Der Sieger bedeutungslos. Ich schämte mich.
Nach dem Elfmeter wandte sich Michel Platini einfach ab. Ohne Jubel. Es war in der 55. Minute des Europapokalfinals zwischen Juventus Turin und dem FC Liverpool, als der Franzose den entscheidenden Strafstoß zum 1:0 für Turin verwandelte. Für Platini war der Abend des 29. Mai 1985 der furchtbarste seiner Karriere, "Du bist Kind und siehst Ajax und Bayern den Europacup gewinnen. Und dann bist du Spieler, und sie geben dir diesen Pokal in der Umkleide. Du kommst dir betrogen vor, dafür bin ich nicht Fußballer geworden".

0 Kommentare:
Kommentar veröffentlichen