Welche Bedeutung dieses Endspiel 2001 für mich hatte, ist nicht so einfach zu erklären. Ich bin eh niemand, der immer einfache Erklärungen hat. Ich schweife lieber aus, erzähl alles von Anfang an. Da ist nichts mit: einfach mal eben so erzählt. Also muss ich das Drumherum auch erzählen, den Anfang (was ich für den Anfang halte, um überhaupt begreifen zu können, als jemand, der den Anfang ja nicht kennt - aus der Sicht des Lesers also).
So weit ich mich zurückerinnern kann, bin ich seit der Saison 1976/77 Anhänger des FC Bayern München (warum, weshalb, wieso würde jetzt hier den Rahmen sprengen). Seitdem hatte mein Klub diesen Pokal, die Krone des europäischen Vereinsfußballs, nicht mehr gewonnen. Den letzten Titelgewinn habe ich knapp verpasst, das Endspiel der Landesmeister in Rotterdam gegen Aston Villa am 26. Mai 1982 durfte ich nicht besuchen, mit Fünfzehn war ich noch zu jung, meinte meine Mutter (verloren haben wir es außerdem). Danach war ich in Wien 1987, als wir im Praterstadion gegen Porto verloren, und in Barcelona 1999, beim Horrorfinale gegen Manchester United, das wir ja auch noch verloren. Jahr für Jahr ging es darum den nationalen Titel zu holen, um in der Europapokalsaison darauf endlich diesen verfluchten Pokal gewinnen zu können. Wurden wir nicht Meister hieß das, zwei weitere Jahre auf diese Möglichkeit warten zu müssen. Jedes Ausscheiden tat mir in der Seele weh, paralysierte mich regelrecht für mehrere Tage. Nach dem Ausscheiden in Wien sprach ich fast eine ganze Woche kein Wort. Die Einführung der Champions League machte es noch schwieriger. Und dann kam eines Tages Barcelona. Ich seh mich noch an den Treppenaufgängen von Nou Camp stehen, den Blick auf die Lichter der Stadt gerichtet, Tränen liefen mir über das Gesicht. Näher konnte man nicht sein am Titelgewinn, und dennoch verloren wir dieses Spiel. Ein Mal live dabei sein, wenn wir diesen Pokal in Händen halten, das war mein Traum schon so lange ich Anhänger dieses Klubs war.

Während der der Champions League-Saison 2000/2001 studierte ich in Dublin. Die Miete für mein Zimmer in einem Haus im Süden Dublins kostete so viel wie meine Wohnung in Deutschland, und die hohen Lebenshaltungskosten plünderten Monat für Monat mein Konto. Der FC Bayern überstand souverän die Gruppenphase und das Viertelfinale bescherte uns Manchester United. Böse Erinnerungen wurden wach, der Stachel von Barcelona saß tief. Ich sah das erste Spiel Anfang April in einem Dubliner Pub. In dem Pub mit Großbildleinwand versammelten sich einige wenige Deutsche, meine französischen Kommilitonen und ein Haufen Iren. Das Lager der Iren teilte sich in Liverpool-Anhänger, also pro Bayern, und in Fans von Manchester United. Die Franzosen um mich herum bejubelten in erster Linie ihre Landsleute Sagnol und Lizarazu, die Bayern waren ihnen herzlich egal. Die Bayern siegten in hervorragender Verfassung an diesem Abend in Manchester mit Eins zu Null. 14 Tage später trafen wir uns erneut in diesem Pub, und langsam begann ich mit dem Gedanken zu spielen, was wäre wenn es in diesem Jahr soweit sein würde. Jede Menge Konjunktiv. Es hätte für mich keinen ungünstigeren Zeitpunkt für einen Finaleinzug der Bayern geben können als 2001. Bayern siegte am 18. April mit zwei zu eins Toren.
Am ersten Mai dann das gleiche Bild. Fußballbegeisterte Franzosen sitzen um mich herum, Bayern spielt im Halbfinale gegen Real Madrid. Sonderlich optimistisch bin ich nicht, und dennoch beschleicht mich ein seltsames Gefühl: Was mache ich, wenn sie es doch schaffen? Das Endspiel findet in Mailand statt, mitten in der Prüfungsphase. Wie soll ich von hier aus dahin kommen?
Der Auftritt der Bayern in Bernabeau ist beeindruckend, sie siegen mit Eins zu Null. In der Form holen sie den Pokal, da bin ich sicher. Ich spüre deutlich in welchem Zwiespalt ich mich befinde. Wenn sie es schaffen, werde ich nicht zu diesem verdammten Finale fahren können.
Am 9. Mai macht der FC Bayern den Finaleinzug perfekt. Zwei zu Eins schlagen sie Madrid im Olympiastadion. In den darauf folgenden Nächten mache ich kein Auge mehr zu. Wie stelle ich das an? Was ist, wenn sie das Finale gewinnen, und ich war nicht dabei? Warum ausgerechnet in diesem Jahr, wo ich hier in Irland festsitze?
Den Gedanken zum Finale zu fahren habe ich verworfen. Ich sitze im College vor einem Computer und rufe E-Mails aus der Heimat ab. "Wir haben noch eine Karte übrig. Die ist für Dich!", so der Text der E-Mail. Mir wird abwechselnd heiß und kalt, meine Hände beginnen zu schwitzen. Für einen Flug nach Mailand fehlt mir schlichtweg das Geld, und um von dorthin und wieder zurück nach Dublin zu kommen, brauche ich mindestens drei Tage. Das Spiel liegt mitten in der Prüfungswoche.
Mittags treffe ich mich mit einem Dozenten in einem Pub nicht weit vom College. Er ist wie ich Fußballfan, ein Anhänger von Manchester City. Wenn ich Du wäre, sagt er zu mir, würde ich fahren. Diese Chance bekommst du vielleicht nur ein Mal. Nachmittags dann wieder eine E-Mail. Ein Freund von mir bietet an, das Geld für den Flug vorzustrecken, da "diese Chance vielleicht nie wieder kommt". Wieder folgten schlaflose Nächte, es ratterte in meinem Kopf. Ein paar Tage später sitze ich im Büro meines College-Leiters und liefere die größte schauspielerische Leistung meines Lebens ab. Eine echte Herausforderung, denn ich bin ein verdammt mieser Lügner. Ich erzähle von privaten Problemen, die ich dringend zu lösen hätte und dafür nach Deutschland reisen müsse, und ob ich die Abschlussklausuren nicht zu einem späteren Zeitpunkt schreiben könne, da ich ohnehin länger als die anderen Kommilitonen in Dublin verweile. Er stimmte zu. Noch am selben Tag buche ich einen Flug über Ryanair nach Brescia. Dummerweise fliegt Ryanair Mailand nicht direkt an. Aber darüber kann ich mir vor Ort immer noch Gedanken machen.
Es ist soweit. Offiziell befinde ich mich auf dem Weg nach Deutschland, in Wirklichkeit sitze ich im Flieger von Dublin nach Norditalien. Bilder schwirren mir durch den Kopf, wie die Fernsehkameras während der Liveübertragung in die Menge zoomen, mein Gesicht füllt fast den ganzen Fernsehbildschirm aus, und die Kinnlade meines Collegeleiters, der das Spiel im Kreise von Kollegen in Dublin sieht, senkt sich langsam nach unten.
Der erste Zwischenaufenthalt verdeutlicht mir, warum es "Billigflieger" heißt. Zwölf Stunden Wartezeit bis zu meinem Anschlussflug. Ich sonne mich bei heißem Wetter vor dem Flughafengebäude auf einer Wiese. Leicht verbrannt - wer denkt bei England schon an Sonnencreme - steige ich dann endlich in den nächsten Flieger.
In Brescia angekommen, fällt mir ein, dass es wohl etwas schwierig werden dürfte so ganz ohne Italienischkenntnisse nach Mailand zu kommen. Glück oder Zufall, ich lerne einen Engländer kennen, der sich mit mir ein Taxi nach Mailand teilen möchte. Der Preis für die Fahrt ist uns zu hoch und in allerletzter Sekunde erwischen wir den letzten Bus zum Bahnhof in Brescia. Der Engländer spricht perfekt italienisch und kauft uns die Zugtickets nach Mailand. Die Zugfahrt vergeht wie im Flug, wir unterhalten uns angeregt, während seine Freundin in Mailand für mich im Internet nach einer Unterkunft sucht. In Mailand angekommen, holt sie uns ab und wir fahren in ihre hübsch eingerichtete Wohnung mitten in der Mailänder Innenstadt. Während sie für uns Pasta kocht (was auch sonst?!), genieße ich eine heiße Dusche. Ich bin bewegt über soviel Gastfreundschaft. Der Engländer fährt mich in eine Jugendherberge in der Nähe des Stadions, wo ich mir das Zimmer mit ein paar Bayern-Fans teile. Den Abend verbringen wir gemeinsam im Zentrum der Stadt.
Es ist der 23. Mai 2001. Ich bin früh auf, checke aus und mache mich auf den Weg zum Stadion. Bus für Bus kommt aus Deutschland an, ich warte auf den Fanclub mit meiner Eintrittskarte. Ein paar sms und man trifft sich endlich auf dem Parkplatz vor dem Stadion. Anschließend machen wir uns auf den Weg zum Mailänder Dom. Es ist die Hölle los. Die in der Minderheit vertretenen spanischen Fans veranstalten mit Feuerwerkskörpern einen Krach, der an Körperverletzung grenzt. Wir genießen Cappuccino, freuen uns auf das Spiel und besuchen den Mailänder Dom. Zwischen hunderten Valencia-Anhängern zünden wir Kerzen an. Für unseren Verein. Mir kommt das etwas gotteslästerlich vor, aber für die Spanier scheint das völlig normal zu sein. Eine Kerze für den Sieg. Was soll's, wenn's hilft.
Im Stadion sieht es eher nach 120.000 Zuschauern, als nach 74.500 aus, was an der Bauweise der Arena liegt. Die Choreographie des "Clubs Nr. 12" ist beeindruckend: "Heute ist ein guter Tag, um Geschichte zu schreiben!", und ich erinnere mich an unzählige Abende vor dem Radio, dem Fernseher oder in ausländischen Fußballstadien. All die Hoffnungen und Enttäuschungen der ganzen Jahre Europapokals. Mit gebremster Euphorie schaue ich mir die, von der UEFA organisierte Eröffnungsinszenierung vor dem Spiel an. Ich muss an Barca 1999 denken.
Das Spiel beginnt. Es dauert keine drei Minuten und schon gibt's Elfmeter für Valencia. Ich kann's nicht glauben. Sollte das hier wieder ein solcher Albtraum werden? Mendieta verwandelt zum Eins zu Null. Wir liegen zurück. Bayern spielt besser, ein gutes Spiel, der pure Kampf. Und wir werden belohnt. In der zweiten Halbzeit der Ausgleich durch Effenberg, ebenfalls durch Handelfmeter in der fünfzigsten Minute. Die Spannung wird unerträglich, und es kommt noch schlimmer. Verlängerung. Mein Herz pocht bis zum Hals. Die Verlängerung bleibt torlos. Ich weiß nicht mehr, ob ich mich darüber freuen soll oder nicht. Neben mir höre ich die Spekulationen, wir seien die schlechteren Elfmeterschützen, das ist nicht mehr zu gewinnen. Und wie ich es in Barcelona tat, schaute ich in den Abendhimmel, bekreuzigte mich und betete inständig, es diesmal wahr werden zu lassen. Ich bin nicht aus Irland hierher gekommen um uns verlieren zu sehen. Einer von uns drehte dem Spielfeld den Rücken zu. Sie schießen auf unser Tor. Er schaut mich an, will nicht zusehen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass mein Anblick nicht ebenso beunruhigend gewesen sein muss.
Sergio verschießt. Ich schüttle den Kopf, mein Gegenüber senkt den Blick und verzieht den Mund. Mendieta verwandelt für die Spanier zum Eins zu Null. Jetzt erst fällt mir auf, wie viele Fans von denen im Stadion sind. Eins zu Eins Salihamidzic, Eins zu Zwei Carew, Zickler zum Zwei zu Zwei. Zahovic scheitert an Kahn. Ich recke meine Arme in die Luft und schreie meine Erleichterung in den Himmel. Andersson scheitert an Canizarez - oh mein Gott! Carboni scheitert an Kahn. Ja! Der nächste Schuss muss passen! Mein Gegenüber liest in meinem Gesicht und lauscht der Kulisse. Drei zu Zwei durch Effenberg. Jetzt war mir klar, dass wir es packen. Drei zu Drei Baraja. Der nächste Fehler entscheidet dieses Spiel. Vier zu Drei durch Lizarazu, Vier zu Vier Gonzalez, Fünf zu Vier Linke. Pellegrino scheitert an Kahn. Ja! Das ist es! Es folgt ein fünfminütiges Chaos inmitten von Körpern, Umarmungen, Küssen, Schreien und gereckten Fäusten. Wir haben es geschafft! Wir haben ihn! Wir haben es endlich geschafft!
Gänsehaut und Freudentränen bei der Siegerehrung. Mein Flugticketsponsor schickt mir Glückwünsche per sms. Es ist vollbracht, und ich war dabei!
In der Nacht laufe ich durch die komplette Mailänder Innenstadt vom Stadion bis zum Bahnhof. Es fahren keine Bahnen mehr, und der Fußweg scheint endlos. Meine Füße brennen, ich habe Durst, und dennoch genieße ich diese milde Mainacht wie kaum eine andere zuvor. Am Bahnhof angekommen, hat kein Laden mehr geöffnet. Die Zigaretten sind mir ausgegangen. Ich lege mich auf den Betonsockel neben einer Treppe und versuche die vier Stunden bis der Zug eintrifft zu schlafen. Erfolglos. Die Nacht ist eine Qual. Im Zug geht es zurück nach Brescia. Dort angekommen, teile ich mir das Taxi zum Flughafen mit einem irischen Pärchen. Glück oder Zufall, alleine hätte ich es mir nicht mehr leisten können. Von meinem letzten Geld kaufe ich mir einen Kaffee und Zigaretten. Zwischenstopp in Stansted. Wieder acht Stunden Aufenthalt, diesmal nachts, an diesem unwirtlichen Flughafen. Ich bin erschöpft, aber glücklich. Wieder in Irland angekommen, fahre ich noch zwei Stunden bei unerträglicher Hitze mit dem Bus in meinem verschwitzten Trikot zu unserem Haus im Süden Dublins. Kaum dort, fiel ich in einen tiefen, zwei komplette Tage andauernden, Schlaf. Voller Dankbarkeit, dass ich dabei sein durfte, an diesem Abend in Mailand im Mai 2001.
Die Rubrik "Retrospektive" umfasst alle Artikel, die sich mit historischen Rückblicken befassen

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